Grenzlandgrün       

niederrheinisch - nachhaltig   

Freitag, 16. November 2018

Runter vom Mount Everest: Entwickeln statt wachsen 

Das Statistische Bundesamt meldete jüngst einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,2% für das 3. Quartal 2018. Kommentatoren sahen "düstere Anzeichen" einer bevorstehenden Schrumpfung.  Dabei ist es bereits 46 Jahre her, dass Dennis Meadows und eine Reihe weiterer Autoren mit dem Buch „Limits to Growth“ die westlichen Gesellschaften mit einer eigentlich ziemlich trivialen Erkenntnis schockierte: Ein endlicher Planet hat nicht genügend Material und Tragekapazität für ein unendliches Wachstum. 31 Jahre später  postulierte Angela Merkel auf dem Leipziger CDU-Parteitag: „Deutschland kann mehr. Aber dazu brauchen wir vor allem drei Dinge: Erstens: Wachstum, zweitens: Wachstum und drittens: Wachstum. Wachstum ist nicht alles, das ist wahr. Aber ohne Wachstum ist alles nichts. Ohne Wachstum keine Arbeitsplätze; ohne Wachstum keine Sanierung der sozialen Sicherungssysteme; ohne Wachstum sinkender Wohlstand; ohne Wachstum werden mehr und mehr Menschen auf der Strecke bleiben. Richtiges und dauerhaftes Wachstum ist absolut zwingend erforderlich.“. „Wachstum und Wohlstand“ „Wachstum und Beschäftigung“, „Wachstum und Wettbewerb“. Bis heute ist Wachstum ein Mantra der europäischen Politik. Die westlichen Gesellschaften haben sich an Wachstum gewöhnt. Planungsstellen gehen heute von 2% jährlich aus. Wachstum als Politikziel hat sich gegen eine empirische und terminologische Überprüfung abgeschottet. Es wurde in Deutschland zum Dogma, wie eine Studie des Potsdamer „Institute for Advanced Sustainability“ im Jahre 2016 analysiert hat. 

Im selben Jahr erschien Norbert Nicolls Buch „Adieu Wachstum. Das Ende einer Erfolgsgeschichte“. Darin beschreibt er Geschichte und Auswirkungen der kapitalistischen Wachstumsidee und der mit ihr verbundenen Denkweisen und politischen Handlungszwänge. Er eröffnet sein Buch mit einem lakonischen Zitat des polnischen Satirikers Stanislaw Jerzy Lec: „Wir befinden uns zwar auf dem falschen Gleis, gleichen dieses Manko aber durch höhere Geschwindigkeit wieder aus.

Das globale Nachhaltigkeitsziel Nr. 8 scheint Lecs Aphorismus zu bestätigen. Es lautet: „dauerhaftes, breitenwirksames und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle fördern“. Dabei geht es um ein Pro-Kopf-Wachstum entsprechend den nationalen Gegebenheiten und ein jährliches Wachstum von mindestens 7% in den am wenigsten entwickelten Ländern. Gefördert werden sollen  wirtschaftliche Produktivität, technologische Modernisierung, Innovation und Ressourceneffizienz.  Damit erhoffen sich die Staaten der  Welt eine menschenwürdige Arbeit für alle. Leitbild der UN ist ein grünes Wachstum, das vom Ressourcenverbrauch entkoppelt ist. Die Erfolgsgeschichte des Kapitalismus wäre demnach doch noch nicht zu Ende.

Es gab also Gründe genug, Dr. Norbert Nicoll zum Thema „Wo wachsen und wie schrumpfen? – Nachhaltige Entwicklung und Turbokapitalismus“  in die VHS-Grenzlandgrün-Reihe „Neuland Globale Nachhaltigkeit – Transformationen in Ungewisse“ einzuladen. Fazit seiner Vortragspräsentation: „Langfristig ist ein hohes Wachstum weder möglich noch sinnvoll. Wir müssen das Wachstumsdilemma akzeptieren und Strukturen für ein gutes Leben jenseits des BIP-Wachstums umbauen.“ Zu Definition eines guten Lebens mache es Sinn, sich anhand seiner eigenen fiktiven Todesanzeige zu fragen: „Wer will ich Ende meines Lebens gewesen sein?“

Damit schließt der belgische Ökonom und Politikwissenschaftler an den „Futurzwei“ - Grundgedanken der von Harald Welzer initiierten Stiftung Zukunftsfähigkeit an. Dr. Norbert Nicoll (Jg. 1981) ist Mitglied des wirtschafts- und globalisierungskritischen ATTAC-Netzwerks und lehrt unter anderem an der Universität Duisburg-Essen.

Vom Maulwurfshügel auf den Mount Everest

Basis der quantitativen Wachstumsberechnungen ist das Bruttoinlandprodukt (BIP). Es misst den Gesamtwert aller in einem Land in einem Jahr produzierten Güter und Dienstleistungen. Was dabei wächst, ist den Statistikern der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung egal. Schadensbeseitigungen, Notfalloperationen oder Rüstungsgüter fördern das BIP. An ihm hängen Jobs, Kredite, Einkommen und große Teile des Sozialstaats. Nicoll: „Wachstum ist für die meisten Vertreter der ökonomischen Zunft, so selbstverständlich wie Luft, die wir atmen. Dabei gerät aus dem Blick, dass es die längste Zeit in der Menschheitsgeschichte kein oder ein nur geringes Wirtschaftswachstum gegeben hat.“ In seinen wirtschaftshistorischen Studien hat Prof. Angus Maddison  (Uni Groningen) im Auftrag der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nachgewiesen, dass sich zwischen dem Jahr 0 und 1000 nach Christus die Weltbevölkerung versechsfachte es aber keinen messbaren Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens gab. Zwischen 1000 und 2000 erhöhte sich die Weltbevölkerung um das 23 fache, das weltweite Bruttosozialprodukt wuchs um das 300-fache und das Pro-Kopf-Einkommen stieg um das 14-fache.

Die größten Steigerungsraten begannen um 1820. Mit der Entwicklung des industrialisierten Kapitalismus hat sich der Lebensstandard in einem Umfang und Tempo vervielfacht wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Nicoll: „Es ist, als hätte die Menschheit den Sprung vom Maulwurfshügel auf den Mount Everest geschafft.“ Antworten auf die Frage, wie dieser Sprung zustande gekommen ist, füllen Bibliotheken: bürgerliche Revolution , Philosophie der Aufklärung, bahnbrechende Erfindungen, Kolonialisierung, Privateigentum, Handelsmacht der Fuggers und Medicis, kapitalistisches Gewinnstreben, Klassenkämpfe, Warencharakter der Arbeit, Kosmopolitismus, protestantische Ethik, Spezialisierung und Arbeitsteilung, Energie aus Kohle und Öl, Entwicklung des Verkehrswesens. Vor allem mit der kohlebefeuerten Dampfmaschine gelang der Durchbruch des Kapitalismus. Er entfesselte die Produktiv- und Wachstumskräfte.

Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht(...)An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander (…)Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor..“ (Marx/Engels).

Eine unterirdische Gewalt waren und sind die fossilen Energieträger Kohle, Erdöl und Gas. Sie sind transportier- und speicherbar, damit unabhängig von Ort und Zeit. Sie erlauben die Konzentration und Zentralisierung ökonomischer Prozesse und ermöglichen damit nahezu jedes Größenwachstum. Nicoll: „Der Zusammenhang von Energie und Wachstum ist in der herrschenden Volkswirtschaftslehre noch unterbelichtet. Energie war in der Vergangenheit reichlich verfügbar und extrem preiswert. Aus der stillschweigenden Annahme, dass Energie und Rohstoffe auch in Zukunft unbegrenzt zur Verfügung stehen, leitet sich die Überzeugung ab, dass Wachstum auch künftig durch Fortsetzung des technischen Fortschritts stattfinden wird.“

Heavy-Metal Fahrrad Turbokapitalismus

Wächst die Wirtschaft nicht, entstehen Probleme. Daher werden immer mehr gesellschaftliche Lebensbereiche der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen: Privatisierungen, Wettbewerb und Verdrängung. Nicoll: Kapitalistisches Wachstum ist wie Fahrradfahren. Wer stehen bleibt, fällt um.“ Doch mittlerweile sei das kapitalistische Fahrrad fast so schwer zu bewegen wie das vom LKW-Fahrer und Wacken-Fan Frank Dose gebaute Heavy-Metal-Fahrrad. Es wiegt 1080 Kilo.

Der Wachstumsdruck wird größer und der Kapitalismus wird rücksichtsloser und unverhüllt auf ausschließliche Profitmaximierung ausgerichtet. Nicoll nennt dies Turbokapitalismus. Der Begriff geht auf den Wirtschaftswissenschaftler Edward Luttwak zurück und steht für einen deregulierten  Markt ohne schützende Barrieren -  angetrieben von den Verwertungsinteressen großer Kapitalgesellschaften. Nicoll nennt BlackRock, Vanguard, Barcleys, State Street, Natixis und Amundi. Derartige Finanzgesellschaften gelten als systemrelevant und verschwiegen. Sie machen von sich reden durch Cum-ex-Geschäfte, Nahrungsmittelspekulationen oder Zinsmanipulationen. Daher umschreiben andere diese Form der Marktwirtschaft als Raubtier- oder Karawanenkapitalismus oder sprechen von verantwortungslosen Heuschreckenschwärmen.  

"Epochensignatur"

„Just do it“ – Alles jetzt. Nichts später. Nicoll ist sich sicher: „Wir leben im Zeitalter der großen Beschleunigung. Historiker werden in 200 – 300 Jahren die exponentielle Wachstumskurve zur Epochensignatur unseres Zeitalters ernennen.“ Die unter „Great Acceleration“ bekannt gewordenen Kurvendiagramme wurden ursprünglich im Rahmen des Internationalen  Geosphere-Biosphere-Programms konzipiert und aufgebaut. Ob BIP, Weltbevölkerung, Energieverbrauch, Kohlendioxidausstoß, Regenwaldverlust oder Wasserverschmutzung: in fast allen Kategorien weisen die an der Uni Stockholm 2015 aktualisierten und hier abrufbaren Folien eine drastische Beschleunigung nach, die in den 1950er Jahren einsetzte und bis heute anhält. Nicoll: „Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist einzigartig in der gesamten Menschheitsgeschichte.“ Auch der jüngst erschienene „Living Planet Report 2018“ zeigt: Die Regenerationsfähigkeit der Erde ist weit überschritten.  Die Tierbestände gehen drastisch zurück, während der Verbrauch endlicher Ressourcen weiter in die Höhe schießt. Nicoll: „Seit 1970 ist die Zahl der Wirbeltiere um 60 Prozent gesunken. Die Menschheit verbraucht aktuell 70% mehr natürliche Ressourcen als die Erde erneuern kann.“

Auch beim Thema Klimawandel/Erderhitzung sind die Reduktionsanforderungen immens: „Die industrialisierten Länder müssen laut IPCC bis 2050 ihre Treibhausgasemissionen um 80 bis 95% vermindern. Eine Studie des University College in London weist nach, dass daher 80 Prozent der Kohlereserven, 50 Prozent der Gasreserven und zwei Drittel der Ölreserven unangetastet bleiben müssten.“ Andere Studien weisen in eine ähnliche Richtung.

Green Growth und Degrowth

In der Vergangenheit sind Weltsozialprodukt und die Kohlendioxidemissionen nahezu im Einklang gestiegen. Erst seit 2010 gibt es leichte Entkopplungstendenzen, aber von einem Rückgang könne noch keine Rede sein. Hier wirke der Rebound-Effekt : Effizienzsteigerungen führen zu erhöhtem Verbrauch.  Zur Veranschaulichung zeigt Nicoll ein Bild mit zwei Minis einem aus den 1970ern und der Neuauflage nach rund vier Jahrzehnten. Der Benzinverbrauch ist gleich geblieben, aber das Gewicht hat sich verdoppelt.

Nicolls nüchternes Fazit aus dem – wie er es nennt - „Depri-Material“: „Die Lage ist ziemlich problematisch und die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbruch bleibt eine 100-Billionen-Dollar-Frage. In der Vergangenheit ist sie noch nicht gelöst worden.“ Die Annahmen eines grünen oder qualitativen Wachstums mit sinkendem Resourcenverbrauch lassen sich unter den gegebenen politischen Rahmenbedingungen wissenschaftlich (noch) nicht begründen oder belegen. Die bisherige Nachhaltigkeitspolitik ist weit davon entfernt, eine hinreichend starke Reduktion der ökologischen Belastungen zu erreichen.

Bei aller Kritik an den „Grenzen des Wachstums“ von 1972: Dessen Grundannahmen und die These des Zusammenbruchs im Global Modell von Denis Meadows sind nicht widerlegt. Im Gegenteil: Graham Turner von der australischen Commonwealth Scientific and Industrial Research Oganisation (CSRIO) fand 2008 anhand aktualisierter empirischer Daten eine große Übereinstimmung mit den damaligen Standardszenarien, die einen globalen Kollaps  in der Mitte dieses Jahrhundert prognostizierten.

Der Politik fehle es an Visionen und Wirtschaftsstrategien, die auf das Dilemma der Wachstumsgrenzen reagiert. Nicoll: „Business as usual führt in den Kollaps. Es fehlt ein gesellschaftlich akzeptiertes  Wohlstandsmodell, das nicht auf den permanenten Mehrverbrauch von Energie und Ressourcen angewiesen ist.“

Viele Ideen aus den 1970er-Jahren kehrten in der derzeitigen Degrowth-Bewegung wieder auf: die politische Ökologie eines André Gorz, die Selbstbegrenzung eines Ivan Ilich, das „Small ist beautiful“ eines E.F. Schumacher oder das „Demain la decroissance“ des Entropieforschers und Bioökonomen Nicholas Georgescu-Roegen.

Nicoll: „ Degrowth ist noch kein konsistentes Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell. Es bedeute aber auch nicht Schrumpfung auf allen Ebenen oder Krise a la Griechenland.“ Vielmehr gehe es um die Etablierung einer anderen selektiven Wachstumslogik: „Mehr Bildung, mehr Pflege, weniger Rüstung, weniger Fernreisen.“  Seine Strategie: Besser –anders –weniger“  setzt auf Effizienz, Konsistenz und Suffzienz. Produkte und Dienstleistungen verbrauchen weniger Energie und Rohstoffe, Wirtschaftskreisläufe passen sich natürlichen Kreisläufen an – wie beim cradle to cradle und die Menschen ändern ihr Verhalten mit der Absicht weniger Energie und Rohstoffe zu verbrauchen. „Ein hohes Wachstum ist langfristig weder möglich noch sinnvoll. Nehmen wir die Lage an und bauen Strukturen um. Politik setzt Leitplanken direkt bei den Stoffströmen und Umweltbelastungen und wir Verbraucher fragen uns 'Wer will ich Ende meines Lebens gewesen sein?`"

Entkoppelt sind offenbar BIP-Wachstum und Lebenszufriedenheit. Burn out boomt, „das Leben um zu arbeiten“ gerät in Verruf, das Bild des sinnlosen Hamsterrads kommt in Mode. Auch die Glücksforschung oder Happiness Economics zeigen. Mit steigendem Lebensstandard steigt nicht unbedingt die Bereitschaft sich als glücklich zu bezeichnen. Also sollten wir selbst einen Flucht-.und Rettungsplan entwerfen. Denn: „Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben.“ (June Jordan)


Ein kurzes Märchen über das Wachstum  

Wachstum ist gut, sagte der Luftballon und platzte.
Wachstum ist schlecht, sagte der Riese und fraß die Zwerge.
Wachstum ist gut, sagte das Feuer und hinterließ nur Asche.
Wachstum ist schlecht, sagte der Tod und lachte. 
Ich weiß überhaupt nicht, wovon ihr redet, sagte die Raupe
und wurde zum Schmetterling.

Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2003/wachstum/prolog