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niederrheinisch - nachhaltig    

Mittwoch, 8. November 2017

Landwirtschaft: Über Geld, Greening und die "Agroschizophrenie"  

Hunger und Überfluss,  Milchseen und Butterberge,  Höfesterben und Flurbereini- gung, Rinderwahn und Dioxin-Eier, degradierte Böden und verseuchtes Grundwasser, Sicco Mansholt und José Bové... Seit Jahrzehnten hinterlässt das angebliche Expertenwissen verwirrte Bauern und unzufriedene Konsumenten.  "Wachsen oder weichen" und die "Grenzen des Wachstums". Was immer noch fehlt, ist ein fundiertes und widerspruchsfreies Mainstream-Konzept von bäuerlicher Zukunft.  Die Landwirtschaft ist  hin und her gerissen zwischen bäuerlicher Tradition und industrieller Rationalität, zwischen sensibler Naturnähe und forscher Mechanisierung, zwischen Erzeugungsschlacht und organischem Hofbetrieb – und das begleitet von einem komplizierten Subventionssystem, von viel Bürokratie und zuweilen vom schieren Unsinn.

Schlechte Stimmung - Gutes Image

Und dennoch:   Landwirte haben ein gutes Ansehen. Im Ranking der Berufe stehen Landwirte auf Platz zwei - hinter den Ärzten und Ärztinnen und vor den Polizisten und Polizistinnen. Das stellte im März 2017 die EMNID-Studie „Das Image der deutschen Landwirtschaft“ fest. Problematischer ist das Stimmungsbild im Hinblick auf Ethik und Ökologie in der Landwirtschaft. Knapp 70 % der Bundesbürger(innen) sind davon überzeugt, dass Landwirtschaft nicht verantwortungsvoll mit ihren Tieren umgeht, 72% meinen, dass sie nicht umweltbewusst arbeitet und fast 80% werfen ihr einen Raubbau an Boden, Wasser und Luft vor. Die derzeitige Landwirtschaft wird den Ansprüchen der Verbraucherinnen und Verbraucher in den meisten Punkten nicht gerecht. Der Vorwurf mangelnder Nachhaltigkeit trifft die Grundfesten einer bäuerlichen Landwirtschaft. Sie richtet den Blick über das Heute hinaus. Haus und Hof den Nachfolgern in einem besseren Zustand zu übergeben als von der vorherigen Generation übernommen – das ist eins ihrer Leitbilder. Generationenverantwortung, regionale Anbindung, das beharrliche Pflegen und Hegen von Grund und Boden gehören eigentlich zum Berufsethos des Bauern, auch wenn "Bodenständigkeit" oder "Genossenschaften" in Deutschland von einer anrüchigen Tradition begleitet werden.   

Betriebswirtschaft und Berufsethik

Doch das scheint heute ohnehin anders zu sein. Im Rahmen einer Diskussion zur Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft, zu der ein Arbeitskreis der Grünen im Kreis Viersen jüngst nach Oedt geladen hatten, bestätigte der Kreislandwirt Paul-Christian Küskens: „Das Geld bestimmt, was wir machen. "  

Die Industrialisierung der Landwirtschaft fördert offenbar ein betriebswirtschaftliches Denken, das kurzfristig orientiert ist und die volkswirtschaftliche und berufsethische Perspektive vernachlässigt. Landwirtschaftliche Industriebetriebe haben ein hohes Spezialisierungs- und Technisierungsniveau. Sie erfordern einen intensiven Kapital- und Energieeinsatz. Sie verändern natürliche Ökosysteme. Artenvielfalt nimmt ab. Die Landschaft wird maschinengerecht geformt, der Boden verdichtet. Produktivitätssteigernde Agrarchemikalien verunreinigen das Grundwasser. Auch diese Industrieform erzeugt soziale und ökologische Folgekosten, die gesellschaftlich nicht erwünscht sind.

Nachdenklich in Oedt: Norwich Rüße, Bernd Schmitz, Paul-Christian Küskens, Konrad Steger, Dr. Bernd Lüttgens

Daher fordern Umweltverbände wie der BUND oder die Partei Die Grünen eine Agrarwende. Bernd Schmitz, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, appelliert an seine Berufskollegen: Wir dürfen diesen Strukturwandel nicht einfach hinnehmen, sondern müssen ihm was entgegensetzen.“ Dass es nicht einfach ist, die Belange von Bäuerinnen und Bauern mit denen der Verbraucherinnen und Verbraucher in Einklang zu bringen, machte der grüne Landtagsabgeordnete Norwich Rüße deutlich: „90 % der Landwirte sind ratlos, was ihre Zukunft betrifft.“ Dr. Bernd Lüttgens vom Rheinischen Landwirtschafts-verband macht dafür die Grünen und die Naturschützer verantwortlich: „Hofreiters Gerede von der Agrarwende verunsichert die jungen Landwirte.“ Sie gefährde die bäuerlichen Kleinbetriebe mit immer mehr Dokumentationspflichten und Öko-Auflagen.  

Landlustidyllen und Ernährungsmarkt

Viele Landwirte sind sich sicher, dass die Verbraucher sich ein falsches Bild von moderner Landwirtschaft machen und nur billig und satt machend essen möchten. Glückliche Kühe auf saftig grüner Weide, Mensch und Tier im Einklang mit der Natur. Die urban geprägte Gesellschaft hat eine große Sehnsucht nach dem Ländlichen entwickelt. „Landlust“ und ähnliche Zeitschriften vermarkten ein Bild, das mit dem Leben und Wirtschaften auf dem Land wenig zu tun hat. Für manch einen ist nur der Bauer ein guter Bauer, der von Maschinen und chemischen Produkten möglichst die Finger lässt. Der zu Beginn der Oedter Veranstaltung gezeigte Film „Der Ährenmann“ befeuerte dieses Bild. Auch wenn Verbrauchererwartungen in vielem an der Realität vorbeigehen – die Art und Weise wie wir Landwirtschaft betreiben, Lebensmittel erzeugen und handeln, ist ein zentrales Thema unserer Gesellschaft.

Dabei ist eine „Agroschizophrenie“ entstanden. Während die einen mit dem Motto „Wachse, digitalisiere oder weiche“ unter dem Deckmantel einer angeblich „nachhaltigen, modernen und zukunftsfähigen Landwirtschaft“ weiter auf den Weg hin zur exportorientierten Industrialisierung beraten, folgen andere einem eher traditionell orientierten Bauernethos. Und beide Gruppierungen sind überzeugt: „Das ist nachhaltig, denn der Markt will es so“. Doch der Markt besteht auch aus der fast diktatorischen Nachfrage der großen und sehr mächtigen Einzelhandelskonzerne. Er besteht aus Kunden, die 1000 € für einen Grill , aber  nur 0,99 € für eine Bratwurst zahlen. Landwirte vermitteln in dieser Situation eher den Eindruck von Getriebenen als von selbstbewussten Marktakteuren. Auch das ist ein Aspekt der "Agroschizophrenie".  

Europa und die Region

Was Verbraucherinnen und Verbraucher wollen, können sie als Bürgerinnen und Bürger spätestens im Mai 2019 deutlich machen. Dann sind Europawahlen. Und da geht es auch um die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) nach 2020. Denn in Brüssel werden die Weichen für den zukünftigen Landwirtschaftsalltag im Grenzland gestellt. „Cross Compliance“ ist ein Stichwort. Pro Hektar erhalten die Landwirte derzeit ca. 300 Euro jährlich aus EU-Mitteln. Dafür müssen sie bestimmte Verpflichtungen einhalten. Im Rahmen der „GAP 2014 – 2020“ wurde vor gut vier Jahren unter dem Stichwort „Greening“ über die damit verbundene Öko-Auflagen diskutiert. Seinerzeit gelang es einer Allianz aus Agrarindustie und Bauernverbandsvertretern über das EU-Parlament und den Agrarministerrat die von der damaligen Kommission geplanten Auflagen so aufzuweichen, dass der grüne Landwirtschaftspolitiker Martin Häusling am Ende vom Greening als „Luftnummer“ sprach. Selbst die wenigen von der EU eröffneten Möglichkeiten einer „grüneren Agrarpolitik“ werden bis heute in Deutschland nicht umgesetzt. 

Dennoch steckt seit „GAP 2014-2020“ ein Fuß in der Tür zu einer grünen und gerechten Landwirtschaft. Jetzt kommt es darauf an, die Tür ganz aufzustoßen und sich für die nächste GAP-Runde auf den politischen Weg zu begeben. Rückenwind für einen landwirtschaftlichen Paradigmenwechsel gibt es auch vom Weltagrarbericht oder vom Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz.

Ohne einen starken zivilgesellschaftlichen Druck ist aber kaum eine Ökologisierung der Landwirtschaft zu erwarten. Der Neun-Punkte-Plan für die Agrar- und Ernährungswende bleibt auch über das Wahljahr 2017 hinaus aktuell. Die Grüne Woche hat sich in den vergangenen Jahren von einer Leistungsschau zu einem Forum  der Meinungen über die Zukunft der Landwirtschaft gewandelt. Am 20. Januar 2018 heißt es in Berlin wieder  „Wir haben es satt: Bauernhöfe statt Agrarindustrie" und "Wir machen Euch satt - Redet mit uns statt über uns." Die Synthese "Wir haben es satt. Redet mit uns statt über uns" trifft auf Erzeuger und Verbraucher zu. Daher gehören die beiden Oedter Gesprächsabende  fortgesetzt, um mit Kreativität auch an Handlungsansätzen für eine regionale Ernährungspolitik zu arbeiten. Ein niederrheinischer Ernährungsrat könnte dabei hilfreich sein...

 

 

                

Samstag, 1. November 2014

"Landluft macht frei" -  Schweinemast an der Nette und die europäische Agrarwende

Im Viersener Kreistag brachte der Landwirt und CDU-Kreistagsabgeordnete Peter Joppen das Dilemma auf den Punkt: „Es gibt für die Landwirte einen Zwang zur betrieblichen Entwicklung und wir sollten dies politisch unterstützen. Wenn wir uns nicht weiterentwickeln, gibt’s gar keine Entwicklung.“ 

Hintergrund seines Redebeitrags waren die Vorgänge rund um die Genehmigung einer Schweinemastanlage im Landschaftschutzgebiet an der Dülkener Nette. Sie haben eine öffentliche Diskussion um  Herkunft und Herstellung unseres Essens, um Massentierhaltung, Fleischkonsum, bäuerliche Landwirtschaft und die Rolle von Politik und Verwaltung   ausgelöst. 

Während die Viersener Kreisbauernschaft sich offenbar dem ökonomischen Zwang ausgesetzt sieht, weiter den Weg einer globalisierten, industrialisierten und chemielastigen Agrarwirtschaft mit Massentierhaltung und Billigfleischexporten zu gehen, fordern auch im niederrheinischen Gülle-Grenzland immer mehr Menschen einen achtsameren Umgang mit Tieren und Lebensmitteln. Sie sorgen sich um ihre Gesundheit, ums Grundwasser oder die Landschaft und reihen sich damit in eine „Bewegung mit überraschender Heftigkeit“ (Mathias Greffrath: Der Aufstand der Satten) ein.  

Schnell und schwebend unwirksam genehmigt 

Vor einem Jahr machte die Rheinische Post auf den Protest der Nachbarn gegen die geplante Anlage aufmerksam. Es geschah wenig, bis einige Anwohner durch einen zufälligen Fund im Amtsblatt des Kreises Viersen vom 23. Januar aufgeschreckt wurden: 

Der Kreis Viersen, Rathausmarkt 3, 41747 Viersen hat Frau Brigitte Gartz, wohnhaft Oberstraße 7 in 41334 Nettetal, mit Datum vom 09.01.2014 eine Genehmigung nach §§ 4 und 6 BImSchG für die Errichtung und den Betrieb einer Anlage zur Aufzucht und zum Halten von Schweinen mit einer Gesamtkapazität von 2200 Mastschweinen, eines neuen Güllehochbehälters mit 2500 m³ Lagervolumen, zusätzliche Güllekanäle unter dem neuen Stall mit einer Kapazität von 800 m³, eines Flüssiggastanks mit 4500 l sowie drei Futtersilos á 15,4 t auf dem Grundstück 41751 Viersen-Dülken, Nette168, Gemarkung Dülken, Flur 455, Flurstück 96 erteilt. Die sofortige Vollziehung wurde angeordnet.”

Nach einer "Stunk-Demo" am Veilchendienstag und zahlreichen Gesprächen zwischen dem BUND Kreis Viersen, der Kreisverwaltung, der Bezirksregierung und dem nordrhein-westfälischen Umweltministerium wurde die umstrittene Genehmigung für schwebend unwirksam erklärt, weil sie den Festlegungen des Landschaftsplans 7 (Bockerter Heide) widersprach. Dessen Schwergewicht  liegt  “auf der Erhaltung einer mit naturnahen Lebensräumen und natürlichen Landschaftselementen reich und vielfältig ausgestatteten Landschaft, auf der Sicherung der Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes sowie auf der Erhaltung der Erholungsfunktion für den Menschen.”

In  Landschaftsschutzgebieten sind aber nur solche Handlungen erlaubt, die den Charakter des Gebietes nicht verändern und die im Einklang mit dem Schutzzweck stehen. Dies trifft  für  eine Schweinemastanlage in der Nähe des Dülkener Nette-Wanderwegs wohl nicht zu.

Landschaftsschutz an der Nette gekippt

Unter dem Vorgang Nr. 149/2014 nahm daher der Viersener Kreistag am 30. Oktober 2014 die besagte Fläche an der Nette in geheimer Abstimmung  mit 32 zu 22 Stimmen aus dem Landschaftsplan heraus.

Leider hatte aber das laute öffentliche Auftreten des BUND Kreis Viersen noch eine weitere eher unbeabsichtigte Folge:   Damit sich der Stress um die “Nette-Genehmigung” nicht wiederholen kann, brachte der Kreistag mit der Vorlage Nr. 152/2014  einstimmig eine Änderung aller Landschaftspläne auf den Weg in die Öffentlichkeitsbteiligung. Sie ermöglicht unter anderem die Genehmigung von sog. priviliegierten Bauvorhaben gartenbaulicher, land- und forstwirtschaftlicher Betriebe auch dann, wenn sie nicht mit dem Zweck des Landschaftsplans im Einklang stehen.

Solidarisch und enkelfest zusammenschließen

In der Viersener Debatte war auch zu hören, dass Agrarpolitik kein regionales oder kommunales Thema sei. Dennoch steigen europaweit immer mehr Verbraucher(innen)  und Landwirte „vor Ort“ aus den Zwängen der industrialisierten Agrarprolitik aus. Sie gründen solidarische Zusammenschlüsse, machen sich  marktunabhängig und  entwickeln neue Standards einer sozial-und umweltverträglichen Landwirtschaft. 

Es ist Zeit für pragmatische-kooperative und niederrheinisch-nachhaltige Landwirtschaftslabore.  Auch sie könnten ein Ansatz für  betriebliche Entwicklung sein - enkelfest und landschaftsverträglich.

Zwischen den Anti-AKW-Demonstrationen, den belächelten Solarselbstbaugruppen und der Energiewende liegen 40 Jahre. Der Abstand zwischen den Projekten solidarischer Landwirtschaft und einer europäischen Agrarwende könnte kürzer werden.