Grenzlandgrün            

niederrheinisch - nachhaltig   

Mittwoch, 15. Februar 2017

Was haben Geldanlage und Altersvorsorge mit nachhaltiger Entwicklung zu tun?

v.l. Jürgen Cleven, Martin-Sebastian Abel, Hans-Detlev Speckmann

Dem Zusammenhang von nachhaltiger Entwicklung und Finanzmärkten widmete sich der VHS-Grenzlandgrün-Abend mit dem grünen Landtagsabgeordneten Martin-Sebastian Abel, dem Vorstandsvorsitzenden der Volksbank Viersen Jürgen Cleven und dem Anlageberater Hans-Detlev Speckmann. Die Überschrift “Divestment und Investment – Über den nachhaltigen Umgang mit Geld” lockte 24 Männer und Frauen aus dem gesamten Kreis Viersen in den Dülkener Seminarraum der Volksbank Viersen. 

“Fossil free”Divestment”, “Kohlenstoffblase” oder “350.org” sind Begriffe, die derzeit in der “Klima- und Nachhaltigkeitsszene” für Diskussionsstoff sorgen. “Factory, das von der Kathy-Beys-Stiftung und dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie herausgegebene Magazin für nachhaltiges Wirtschaften, widmete im vergangenen Jahr dem Divestment ein eigenes Schwerpunktheft.  Aber außerhalb dieser Szene sind solche Begriffe und Thesen noch weitgehend unbekannt. Das zeigte sich auch im Sommer 2016 bei der Diskussion um die RWE-Aktien im Kreis Viersen.  Bei der Diskussion um den verlustreichen Ausstieg aus diesem Investment spielte der damit verbundene  kommunale Beitrag zur globalen Klimapolitik eine untergeordnete Rolle. Auch die meisten Grenzlandgrün-Teilnehmenden hatten vor dem Abend noch nichts von diesen Begriffen gehört oder gelesen wie Moderator Manfred Böttcher bei einer Eingangsbefragung feststellte. Doch am Ende des Abends herrschte Einigkeit: Der  Klimawandel birgt neben ökologischen und gesellschaftlichen offenbar auch  finanzielle Risiken, die jeden in seiner Geldanlage oder Altersvorsorge betreffen können.
 
Grüne Chancen – Grüne Risiken
Nüchterne Analysen zur eigenen Lebenssituation,  zu möglichen Renditen und Risiken sind Ausgangspunkte einer vernünftigen Anlagestrategie. Hans-Detlev Speckmann rät dazu, nur in Geldanlagen zu investieren, die man versteht, deren Kosten und Gebühren angemessen und deren Kriterien transparent und nachvollziehbar sind. Er empfiehlt den Risikoanteil auf “80 minus Lebensalter” zu begrenzen, das Risiko zu streuen, auf keinen Fall aus vergangenen Renditen auf zukünftige Gewinnmöglichkeiten zu schließen und in Euro-Beträgen statt in Prozent zu rechnen.  Dies gelte auch für die nachhaltigen Geldanlagen nach den ESG-Kriterien. Sie ermöglichen soziale, ökologische und ethische Aspekte bei der Geldanlage einfließen zu lassen. Um  seriöse von unseriösen Anbietern zu unterscheiden, solle man möglichst viele Informationen sammeln, z.B. über die Verbraucherzentrale, über Ökotest oder das Forum Nachhaltige Geldanlagen.


Speckmanns Grundregeln der Geldanlage kann Jürgen Cleven nur unterstützen. In seiner Präsentation macht er deutlich, wie tief verwurzelt die Volksbank Viersen mit der Region Niederkrüchten – Schwalmtal – Viersen ist. Blickt sie doch zurück auf eine Geschichte seit 1894 als selbständige Handwerker und Landwirte nach und nach Spar- und Darlehnsvereine zur finanziellen Selbsthilfe gründeten. Heute ist daraus eine Genossenschaftsbank mit knapp 10.500 Mitgliedern, acht Geschäftsstellen und  200 Mitarbeitern  geworden. Die Bilanzsumme 2016 betrug 814.504.000 Euro. Ca. 120.000 Euro spendete die Volksbank Viersen im vergangenen Jahr für soziale regionale Zwecke. Dass der Bank der Gedanke der Nachhaltigkeit nahe liegt, macht Cleven an zwei Beispielen deutlich: Zum einen erleichtere das Solarpotenzialkataster für Schwalmtal, Niederkrüchten und Viersen  jedem Hausbesitzer die Entscheidung, ob sich Photovoltaik-Anlagen für sein Haus lohnen können. Zum anderen ermögliche das Sparen mit dem Union-Investment - Fonds “UniNachhaltig Aktien global” auch in zinslosen Zeiten eine ethisch, ökologisch und sozial ausgerichtete Geldanlage mit guter Rendite. Ingo Speich, der bei der Unioninvestment tätige Nachhaltigkeitsmanager, habe sich mittlerweile zum Ökoschreck bei Aktionärsversammlungen entwickelt. 

Für alle Anlageempfehlungen gilt: “Erst informieren, dann investieren”. Im Dezember 2016 wies z.B. die freie Autorin Nadine Oberhuber in einem ZEIT- Artikel darauf hin, dass manche Fonds den Nachhaltigkeitsbegriff sehr weit auslegen.  Genaue Testergebnisse für Nachhaltigkeitsfonds (Stand Oktober 2016)  sind hier abrufbar. Weitere Bewertungskriterien finden sich bei den von der der International Capital Market Association entwickelten Green Bond Principles (Download). Nachhaltige und nicht nachhaltige Bank-Aktivitäten beobachtet und analysiert das internationale Netzwerk banktrack.org,  auf das Grenzlandgrün-Referent Martin Sebastian Abel hinweist: “Es deckt Verstrickungen und Zusammenhänge im Finanzsektor auf. Spannend!” 

Raus aus den Fossilen – Rein in die Nachhaltigkeit?

Seit 2013 macht ein neues Wort die Runde: Kohlenstoffblase. Entstanden ist der Begriff aus Untersuchungen der Londoner Denkfabrik für den Finanzsektor “Carbon Tracker”. Unter der Kohlenstoffblase versteht sie die Menge aller kohlenstoffhaltigen Energieträger der Erde. Diese Vorkommen haben einen bestimmten ökonomischen Wert. Der ist abgebildet in den Bilanzen von Exxon, BP, Shell und anderer Energiegiganten. Wenn aber die Ziele der Pariser UN-Klimakonferenz von 2015 ernst genommen werden, muss der überwiegende Teil der Öl-, Gas- und Kohlevorräte im Boden bleiben. Damit  würde die “Kohlenstoffblase” platzen und die Aktienwerte der Unternehmen dramatisch sinken. Betroffen sind aber nicht nur Aktien von Kohle-, Öl- und Gasfirmen, sondern auch andere CO2-intensive Branchen. 

Martin-Sebastian Abel hatte seine Präsentation kurzfristig um einige überregionale Fragestellungen erweitert, die ursprünglich Stefan Rostock (Germanwatch) beim Grenzlandgrün-Abend erörtern wollte, aber krankheitsbedingt nicht konnte. So konnte Abel die Carbon-Tracker-Untersuchungen mit Hinweis auf das European Systemic Risk Board (ESRB) bestätigen. Dieses seit 2010 bei der Europäischen Zentralbank  angesiedelte Institut zur Risikoanalyse des europäischen Finanzmarkts kam in einer im Februar 2016 veröffentlichten Studie zu den Systemrisiken einer kohlenstoffarmen Wirtschaft zu ähnlichen Ergebnissen. Abel, finanzpolitischer Sprecher der grünen Landtagsfraktion, definiert: “Divestment meint, die Finanzanlagen aus Kohle, Öl und Gas abzuziehen und in klimafreundliche Bereiche investieren.“

Der grüne Europaabgeordnete Reinhard Bütikofer hat  eine anschauliche Divestment-Info-Grafik mit Hinweisen auf persönliche Handlungsoptionen auf seine Homepage gestellt. Divestment wächst: die Stanford-University mit einem Volumen von 21 Milliarden Dollar, die Harvard-University mit 18 Milliarden Dollar, der Norwegische Pensionsfonds mit 734 Milliarden Euro, die Allianz-Versicherung mit 4 Milliarden Euro, zahlreiche kirchliche Investoren und ab 2018 auch der neue NRW-Pensionsfonds mit einem Volumen von 10 Milliarden Euro. 

Dies ist auch der Initiative des 31-jährigen Parlamentariers zu verdanken. Er hat im NRW-Landtag den Entschließungsantrag Nr. 16/10891 mit auf den Weg gebracht. Darin verpflichtet sich das Land NRW die Mittel des neuen Pensionsfonds nachhaltig und fair zu investieren. Kriterien sind u.a. die 10 Prinzipien des Global Compact der Vereinten Nationen. Martin-Sebastian Abel unterstützt auch die kommunalen Parlamentarier bei lokalen Divestment-Initiativen. Gemeinsam mit  Wibke Brems, der energiepolitischen Sprecherin der grünen Landtagsfraktion, hat er einen Musterantrag Divestment verfasst. 

Dass auch Divestment- und Nachhaltigkeitsthesen Marktrisiken und  politischen Gegenkräften ausgesetzt sind, wurde in der Diskussion zwischen dem Publikum und  den drei Grenzlandgrün-Referenten  deutlich. Sie warf viele weitere offene Fragen zur Klima-, Industrie- und Finanzpolitik Donald Trumps oder der Volksrepublik China auf, hielt den “Nullzins” oder  die derzeitige Geldmarktpolitik der Europäischen Zentralbank für unberechenbar, weil sie täglich Milliardenbeträge in die Märkte pumpt und dabei vor dem Kauf klimaschädlicher Unternehmensanleihen nicht zurückschreckt und konnte nicht einschätzen, inwieweit “die Märkte” Kohlenstoffblasen und Divestment-Tendenzen bereits in die derzeitigen Aktienkurse eingepreist haben. 

Fazit des Grenzlandgrün-Abends: Nachhaltiger Umgang mit Geld wird  komplexer und widersprüchlicher. Denn vieles wird unsicherer, hängt mit vielem zusammen und kann neue Wechselwirkungen erzeugen. “Bildung ist die beste Investition” hat der Wissenschaftsjournalist Manfred Ronzheimer seinen Beitrag im  “Factory“-Magazin zum Divestment überschrieben. Offenbar können “Erfahrungsdivestment” und “Wissensinvestment” gute Erträge einbringen. Das “Factor y “-Magazin “Divestment” endet übrigens mit einem Zitat des chinesischen Politikers und Philosphen Guan Zhong aus dem Jahre 645 v. Chr.: “Planst Du für ein Jahr, so säe Korn, planst Du für ein Jahrzehnt, so pflanze Bäume, planst Du für ein Leben, so bilde Menschen.”

 
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