GRENZLANDGRÜN   
niederrheinisch - nachhaltig 

13.05.2026

Projekt PlanTieFEn: Regionen als Träger von Veränderung

2026-05-13 _Energiekulturen-Atlas_regionaler_Energiewenden_ecb2afdb23.pngDie Idee, dass nachhaltige Transformationen eher aus den peripheren Regionen als aus den Zentren hervorgehen, ist ein wiederkehrendes Motiv in Geographie, Politikwissenschaft oder Soziologie. Das hat etwas mit kulturellen Identitäten, wirtschaftlicher Benachteiligung oder schwacher staatlicher Durchdringung zu tun. Der französische Philosoph und Soziologe Henri Lefebvre (1901 – 1991) entwickelte eine Dialektik gesellschaftlich erzeugter Räume, in denen der wahrgenommene, der konzipierte und der gelebte Raum in einer Spannung zueinander stehen. Karten und Kataster produzieren abstrakte Räume, die die gelebten Räume verdrängen können…

Auch das ist ein Hintergrund des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Projekts „Planwende durch die Transdisziplinäre Integration regionaler und sozio-kultureller Faktoren in die Planung von Energiewende-Maßnahmen vor Ort (PlanTieFEn).“ (1) Das Projekt lief von Februar 2023 bis Januar 2026.  Untersucht wurden unterschiedliche Energieregionen in Deutschland und die Wirkungen von räumlichen Identitäten und regionalen Energiekulturen. Im Mittelpunkt standen soziokulturelle und historische Aspekte der Flächennutzung und die gesellschaftliche Wahrnehmung des örtlichen Landschaftswandels.

Das Projektteam bestand aus den drei Verbundpartnern unter Gesamtprojektleitung des Öko-Institut e.V. in Freiburg, mit der Forschungsgruppe Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung (TransNaF) und dem Bereich Energie & Klimaschutz (E&K), der ILS Research gGmbH des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Dortmund und dem Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität (Bereich: Klima und Innovation) in Berlin/Greifswald. Darüber hinaus waren der Regionalverband Südlicher Oberrhein (RVSO), der Regionalverband Mittlerer Oberrhein (RVMO), der Regionalverband Ruhr (RVR), die Stadt Dortmund (Umweltamt), die Stadt Greifswald (Umwelt- und Stadtbauamt) und die Landesenergie- und Klimaschutzagentur Mecklenburg-Vorpommern GmbH (LEKA MV) als assoziierte Praxispartner in den drei Modellregionen in das Projekt eingebunden.

Sie haben ihre Ergebnisse in einem Atlas regionaler Energiewenden aus den Regionen Hochschwarzwald, Dortmund-Unna und Greifswald zusammengefasst. (1) Leitsatz für alle Regionen: „Je früher die Menschen vor Ort einbezogen werden, desto größer sind Akzeptanz, Vertrauen und die Bereitschaft, neue Wege mitzugehen.“ Wer die Energiewende gestalten will, müsse sie mit den Menschen planen – insbesondere dort, wo Wind- oder Solarprojekte auf Ablehnung stoßen. Das Forschungsteam ging davon aus, dass viele Projekte abgelehnt werden, weil die Menschen vor Ort zu spät und zu oberflächlich eingebunden waren.

Informations- und Partizipationsinitiativen sollten von Beginn an Teil der Planung sein und nicht erst – wie es meist geschieht – dann starten, wenn die konkreten Pläne vorliegen und kaum noch Gestaltungsspielräume offen sind. „Regionen gleichen sich nicht, ihre Geschichte, ihre Identitäten und ihre Erfahrungen mit technischen Entwicklungen unterscheiden sich.“ (1)

Doch Planung werde vielerorts noch als ein überwiegend technisches und administratives Verfahren verstanden. „Daher ist es an der Zeit, Planung kulturell sensitiv auszurichten und kulturelle Hintergründe der betreffenden Regionen in die Planung zu integrieren.“ Im Rahmen der Planwende werden die sogenannten weichen Faktoren der Planung – regionale Erfahrungen und Erzählungen, kulturelle Selbstbilder, gesellschaftliche Erwartungshaltungen – systematisch mit den harten Faktoren der Planung verbunden: mit techno-ökonomischen, rechtlichen und regulatorischen Anforderungen. Die Energiewende sei nicht nur ein technischer Umbau, sondern ein kultureller Transformations- und Gestaltungsvorgang, der mit Erzählungen, Praktiken und Haltungen, die tief in Lebenswelten verankert sowie mit Landschaften, Naturverständnissen und lokalen Identitäten verknüpft ist. (1)

Ryan Kelly vom Projektteam PlanTieFEn erläuterte am 7.Mai 2026 in der 47. Folge des Podcasts „Wenden bitte“ die Rolle der Regionen in der Energiewende und die Rahmenbedingungen, die die Energiewende fördern und behindern können. (3) Ryan Kelly:  „Regionen sind die Orte, an denen Zustimmung oder Ablehnung entsteht: wo nationale oder EU-Politik konkret wird oder scheitert. Gerade der ländliche Raum verfügt über enorme Potenziale, die er zur regionalen Wertschöpfung und für eine zukunftsgerichtete Positionierung aktiv mitgestalten sollte“. 

In der Podcast-Folge berichtet Kelly unter anderem aus Schleswig-Holstein, dem Hochschwarzwald, dem Ruhrgebiet und Vorpommern. Die Beispiele zeigen, dass Akzeptanz nicht automatisch entsteht, nur weil ein Projekt klimapolitisch sinnvoll ist. Sie wächst dort, wo Menschen erleben, dass ein Projekt ihrer Region konkret nutzt. Oft bringen engagierte Einzelpersonen oder Vereine, sogenannte „Local Heroes“, Projekte erst ins Rollen. Sie treiben Pläne voran und überzeugen mit ihren Erfolgen weitere Beteiligte. „Wenn ein Windpark nicht nur Strom erzeugt, sondern auch Kita, Feuerwehrhaus und Infrastruktur finanziert, verändert sich die Debatte“, so Kelly. „Dann steht nicht mehr die Belastung im Vordergrund, sondern die Frage: Was können wir damit in unserer Region gestalten?“ (3)

Verweise

1. Öko-Institut e.V. PlanTieFEn. [Online] 13. Mai 2026. https://www.plantiefen.de/

2. Ryan Kelly, Melanie Mbah, Ingo Uhlig, Ann-Kathrin Weith, Marion Wingenbach u.a. Energiekulturen. Atlas regionaler Energiewenden. Geschichte, Planung, Vision. [Online] 2026.
https://www.plantiefen.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=26447&token=16c9fdfc7c2f1ec8896b15504260d39965580672

3. Öko-Institut. Regionen als Motor einer nachhaltigen Zukunft? Podcast “Wenden bitte” Episode 47. [Online] 7. Mai 2026. https://www.oeko.de/podcast/regionen-als-motor-einer-nachhaltigen-zukunft/.

Grenzlandgruen - 16:22 @ Aus Wissenschaft und Forschung | Kommentar hinzufügen

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