niederrheinisch - nachhaltig 

20.11.2021

Glasgow - ein Wendepunkt wohin?

 Jeyaratnam Caniceus  auf Pixabay.jpgVom 31. Oktober bis 13. November 2021 fand die UN-Klimakonferenz in Glasgow (COP 26) statt. Die hohen Erwartungen wurden nicht erfüllt. Greta Thunberg nannte die COP 26 daher „Bla Bla Bla“, Luisa Neubauer sprach von „Betrug“, während Svenja Schulze die Verhandlungsergebnisse als Erfolg bewertete.

Die Konferenz hat präzisiert, welches Maß an Ehrgeiz erforderlich ist, um die Erderhitzung zu begrenzen.  Die Länder wurden daher aufgefordert, ihre Zusagen im nächsten Jahr weiter zu erhöhen. Außerdem wurden die detaillierten Regeln für die Umsetzung des Pariser Abkommens fertiggestellt. Die Klimazusagen und -maßnahmen der Vertragsparteien sind jedoch immer noch viel zu schwach. Die Hoffnungen richten sich bereits jetzt auf die COP 27. Sie soll vom 7. bis 18. November in Ägypten stattfinden.

Am 26. Oktober 2021 stellte das UN-Environment-Programme (UNEP) in seinem „Emissions – Gap Report 2021“ (1) fest, dass die COVID-19 Lockdowns im Jahre 2020 zu einem Rückgang der CO2-Emissionen um 5,9% geführt haben. Für 2021 prognostizierte UNEP erneute Steigerungen. Um eine Erderwärmung von mehr als 1,5 Grad zu verhindern, müssten die Treibhausgasemissionen jedes Jahr um etwa 7 % sinken wie George Monbiot (2) nachgerechnet hat.

Die Konferenz in Glasgow markierte eine symbolische Halbzeit. Sie lag genau zwischen der Verabschiedung der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC) im Jahr 1992 und dem Jahr 2050. Bis dahin müssen nach Angaben des Weltklimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) weltweit Netto-CO2-Emissionen erreicht werden. Nachdem „die Welt“ 1992 beschlossen hatte, den Klimawandel zu bekämpfen, sind die globalen Treibhausgasemissionen immer weiter gestiegen.

Monbiot glaubt daher nicht mehr an den Erfolg der schrittweisen Veränderung von einer Klimakonferenz zu anderen. Er setzt auf Systemveränderung, hofft auf eine Dominodynamik in den von Menschen geschaffenen sozialen Systemen. Eine kleine Störung an der richtigen Stelle könne ein System massiv verändern und in einen neuen Zustand bringen.  Untersuchungen hätten gezeigt, dass eine engagierte Minderheit von 25% ausreiche, um soziale Normen zu verändern und Wendepunkte einzuleiten. (2) Geht so die Steigerungskultur des Ausbeutens und Wegwerfens zu Ende oder wird der Begriff der Nachhaltigkeit zu einer Gewinnmaschine transformiert, die Klimaschutz mit „grünem Wachstum“ vorantreibt? 

Wolfgang Obergassel, Christof Arens, Christiane Beuermann, Victoria Brandemann, Lukas Hermwille, Nicolas Kreibich und Meike Spitzer vom Wuppertal Institut und Hermann E. Ott (Client Earth Deutschland) haben die Klimaverhandlungen genau beobachtet und legten am 19. November 2021 eine erste Analyse der Ergebnisse vor. Titel „Glasgow, ein Wendepunkt?“ (3)

Der „Glasgow Climate Pact“ (4) sei schwächer ausgefallen als gewünscht, böte aber dennoch „eine starke Orientierung für das notwendige Maß an Ambition in diesem Jahrzehnt“ erklärte der wissenschaftliche Geschäftsführer des Wuppertal-Instituts Prof. Dr.-Ing. Manfred Fischedick. Die Abschlusserklärung unterstreiche die Feststellung des IPCC, dass die Auswirkungen des Klimawandels bei 1,5 Grad Celsius wesentlich geringer ausfallen werden als bei 2 Grad Celsius. Zum ersten Mal werde eine Verbindung zwischen langfristigen und kurzfristigen Zielen hergestellt. Die Erklärung erkenne an, dass die 1,5-Grad-Celsius-Grenze eine Senkung der CO2-Emissionen um 45 Prozent unter das Niveau von 2010 bis 2030 und auf Nettonull bis 2050 erfordere. „Die Entscheidung von Glasgow stärkt daher die Vorgaben des Pariser Abkommens erheblich“, meint Fischedick.

Neben dem formalen Prozess nutzte das Vereinigte Königreich die COP26 auch, um eine Reihe von sektoralen Klimaschutz-Zusagen zu koordinieren: Kohleausstieg, Begrenzung der Entwaldung, Abkehr von Autos mit Verbrennungsmotoren.
Diese Ankündigungen kennzeichnen eine große Dynamik und im Falle der Kohle vielleicht einen globalen Wendepunkt“, sagt Dr. Lukas Hermwille, Senior Researcher im Forschungsbereich Internationale Klimapolitik am Wuppertal Institut.

Quasi in letzter Minute wurde der Artikel 20 umformuliert: Aus dem Kohleausstieg (phase out) wurde eine schrittweise Abkehr (phase down). Angeblich sei die Initiative von Indien und China ausgegangen, um den Lebenszyklus der kürzlich in Betrieb genommenen Kohlekraftwerke zu erhalten. Am 17. November 2021 versuchte „The times of India“ das öffentliche Bild von Indien als Kohleausstiegsbremser zu korrigieren. (5)

Für Wolfgang Obergassel, Co-Leiter des Forschungsbereichs Internationale Klimapolitik am Wuppertal Institut, zeigt die Durchsetzung einer schwächeren Formulierung in Bezug auf Kohle (phase down“ statt „phase out“) aber auch, dass die Stärkung der Ambitionen nicht von allein erfolgt. Negativ zu vermerken sei zudem, dass die Konferenz nicht in der Lage war, die Unterstützung der Entwicklungsländer bei der Bewältigung von Verlusten und Schäden (loss and damage) wesentlich zu erhöhen. Obergassel: „Es wird daher weiterhin politischer Druck auf allen Ebenen erforderlich sein, um die notwendigen Fortschritte zu erzielen.“ (6)

Verstärkter Druck kommt auch aus der Wirtschaft. Mit der am 21. Oktober 2021 veröffentlichten Vorabversion der Studie „Klimapfade 2.0. – Ein Wirtschaftsprogramm für Klima und Zukunft“ (7) hatte der Bundesverband der Deutschen Industrie kurz vor dem Beginn der Glasgower Konferenz einen ambitionierten Vorschlag vorgelegt, wie sich die Klimaschutzziele für 2030 und 2045 unter den Bedingungen von Wettbewerbsfähigkeit und Wachstumsorientierung erreichen ließen. Der BDI spricht von einem „großen Aufbruch“ und einem gewaltigen Kraftakt, fordert unter anderem einen früheren Kohleausstieg, einen Verzicht auf Reinvestitionen in fossile Technologien, einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien und ein Investitionsprogramm von rund 860 Milliarden Euro bis 2030. (8)

Anmerkungen
1. UNEP. [Online] 26. Oktober 2021. https://www.unep.org/resources/emissions-gap-report-2021

2. Monbiot, George. [Online] 19. November 2021. https://www.monbiot.com/2021/11/19/domino-theory/.

3. Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH. [Online] 19. November 2021. https://wupperinst.org/fa/redaktion/downloads/publications/COP26_First_Assessment_de.pdf

4. United Nations - Framework Convention on Climate Change. Glasgow Climate Pact. [Online] 13. November 2021. https://unfccc.int/sites/default/files/resource/cop26_auv_2f_cover_decision.pdf

5. The times of India. India didn’t replace coal ‘phase out with ‘phase down’ at COP 26: Govt sources. [Online] 17. November 2021. https://timesofindia.indiatimes.com/india/india-didnt-replace-coal-phase-out-with-phase-down-at-cop-26-govt-sources/articleshow/87763843.cms

6. Wuppertal Institut. Klimakonferenz in Glasgow: Wendepunkt für den Klimaschutz? [Online] 19. November 2021 https://wupperinst.org/a/wi/a/s/ad/7568

7. BDI. Klimapfade 2.0 – Aufbruch in die Klima-Zukunft. [Online] 21. Oktober 2021. https://bdi.eu/themenfelder/energie-und-klima/klimapfade/

8. BDI. Deutschland braucht jetzt einen großen Aufbruch. [Online] 21. Oktober 2021. https://bdi.eu/artikel/news/deutschland-braucht-jetzt-einen-grossen-aufbruch/

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