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22.05.2026
Willich, PFAS und unsere Blutzirkulation
Willich und der Kreis Viersen erlangten 2024 Berühmtheit, weil hohe Belastungen mit PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) im Grund- und Trinkwasser gemessen wurden. Ursache der seit 2014 bestehenden Belastungen waren wohl zwei Feuerlösch-Zerlegebetriebe in Anrath und Neersen (1).
Nicht nur in Willich zeigen sich die Folgen für die Allgemeinheit: Umweltschäden, Gesundheitsrisiken, steigende Kosten für Trinkwasser und die Fragen, wer dafür die Verantwortung trägt und was das mit unserem Weltbild macht.
PFAS stecken in Teflonpfannen, Zahnseide, Outdoor-Kleidung und vielen anderen Produkten. Seit Jahrzehnten werden sie industriell produziert, gelangen in die Umwelt und in das Blut der Menschen. Da sie sich nicht abbauen, reichern sie sich immer weiter an. Bei der Gruppe von schätzungsweise mehr als 10.000 Chemikalien handelt es sich - chemisch betrachtet um organische Verbindungen. Das sind in der Regel verschieden lange Kohlenstoffketten mit Wasserstoffatomen. Aber bei PFAS ersetzen Fluoratome den Wasserstoff ganz oder teilweise. Die Bindung zwischen Fluor und Kohlenstoff ist extrem fest und führt dazu, dass PFAS etwa hitzebeständig, fett- und wasserabweisend sind.
Die Menschen nehmen PFAS über die Haut, die Luft, das Trinkwasser oder über Fleisch- und Fischprodukte und andere Lebensmittel auf. Nicht alle PFAS sind gut untersucht. Aber einige der bekannten und besonders verbreiteten PFAS gefährden nachweislich die Gesundheit. Sie können krebserregend sein, das Immunsystem, die Fruchtbarkeit und die Organe – insbesondere die Leber – schädigen, die Entwicklung des Fötus im Mutterleib beeinträchtigen und Krankheiten wie Diabetes begünstigen.
Die freie Journalistin Alexandra Duong berichtete im Deutschlandfunk mehrfach über die Ewigkeitschemikalien (2) (3) (4). Ihr ist es zu verdanken, dass auch eine Willicher Familie zu Wort kommt, die sich jahrelang auf die Qualität des Leitungswassers verlassen hat, bis sie erfahren hat, dass es mit PFAS belastet war. Zehntausende Menschen in der Region Niederrhein seien „Opfer eines bis heute ungesühnten Umweltverbrechens“, schrieb Michael Billig in einem Correctiv-Text. (5) „Kann sein, dass man an Leberzirrhose in 10 Jahren stirbt und keiner wird das zurückführen auf ‚Ja, damals gab es ja diesen PFAS-Skandal‘, sagt „Eduard aus Willich (2).
In der Tat: die öffentliche Kommunikation der Stadtwerke Willich (6) oder des Kreises Viersen gehen wenig auf die Perspektive der „PFAS-trinkenden Menschen“ – also Angst, Misstrauen, mögliche Langzeitverunsicherung oder das Gefühl eines Umweltunrechts - ein. Die Belastung habe in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen, ein Zusammenhang zwischen PFAS-Exposition und Krebsrisiko könne „derzeit nicht eindeutig belegt werden“, beruhigt der Kreis Viersen auf seiner Homepage (7).
Dabei macht nicht nur Willich deutlich, dass unsere Körper mittlerweile Teil industrieller Stoffkreisläufe geworden sind, ohne dass wir dem bewusst zugestimmt haben. Wir teilen in unserem Körper die ökologischen Folgekosten der industriellen Produktion und leben mit einem unsichtbaren Möglichkeitsraum der Gefahr. Der industrielle Stoffstrom zirkuliert buchstäblich in unserem Blut. Und der Begriff der Ewigkeitschemikalien erzeugt ein Gefühl der Unumkehrbarkeit. Dass synthetische Stoffe unsere Zellen verändern und die natürliche Lebensfähigkeit bedrohen, ist eine Erkenntnis, die sich seit den 1960er Jahren nicht zuletzt durch Rachel Carson und ihr Buch “Der stumme Frühling” verbreitet. Die Stoffe lagern in unseren Fettgeweben und Organen. Sie bleiben weitgehend unbemerkt, können aber nach Jahrzehnten relevant werden. Was an synthetischen Stoffen in die Umwelt gelangt, kehrt über Nahrung, Wasser, Luft wieder zum Menschen zurück. Die langfristigen ökologischen und gesundheitlichen Folgen sind noch weitgehend unbekannt. Das ist Teil der vom Soziologen Ulrich Beck beschiebenen Rislkogesellschaft. Wir müssen mit Risiken leben, die wir weder sehen noch unmittelbar kontrollieren können.
Bislang wird diese Erfahrung eher technisch verwaltet als kulturell oder gesellschaftlich wirklich aufgearbeitet. Der jetzt eingebaute Willicher Aktivkohlefilter kann PFAS absorbieren, aber nicht die sich verbreitende Vorstellung eines verseuchten Alltags. Die Bürger*innen werden für beides bezahlen müssen…
Verweise
1. Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen. Bericht der Landesregierung - PFAS-Belastungen im Kreis Viersen. Vorlage 18/3949. [Online] 5. Juni 2025. https://www.landtag … ument/MMV18-3949.pdf
2. Alexandra Duong. Chemikalien - Wie PFAS das Trinkwasser belasten. Deutschlandfunk. [Online] 10. Mai 2026. https://www.deutschlandfunk.de/chemikalien-wie-pfas-das-trinkwasser-belasten-100.html
3. Alexandra Duong. Warum PFAS das Trinkwasser belasten – und was dagegen hilft. [Online] 3. Mai 2026. https://www.deutschlandfunk.de/pfas-ewigkeitschemikalien-trinkwasser-100.html
4. Alexandra Duong PFAS im Trinkwasser und im Blut: Probleme in Willich. DLF - Umwelt und Verbraucher. [Online] 21. Mai 2026 https://www.deutsc … -in-willich-100.html
5. Michael Billig. PFAS-Chemikalien im Trinkwasser: Verschwiegene Folgen eines Umweltskandals. Correctiv. [Online] 10. Dezember 2025. https://correctiv.org/aktuelles/kampf-um-wasser/2025/12/10/pfas-chemikalien-im-trinkwasser-verschwiegene-folgen-eines-umweltskandals/
6. Stadtwerke Willich. Aktuelle Informationen zum Thema PFAS und Trinkwasser. [Online] 18. Dezember 2025. https://stadtwerke-willich.de/deine-stw/aktuelles/2025/12/18/aktuelle-informationen-zum-thema-pfas-und-trinkwasser/
7. Kreis Viersen. PFAS-Belastung im Grundwasser der Wassergewinnung Willich-Anrath entdeckt. [Online] [abgerufen am 22. Mai 2026.] https://www.kreis-viersen.de/themen/gesundheit/pfas-belastung-im-grundwasser-der-wassergewinnung-willich-anrath-entdeckt
Grenzlandgruen - 20:29 @ Nachrichten aus der Region | Kommentar hinzufügen
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