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26.05.2026

„Rerum Novarum“ und „Magnifica humanitas“: Papstenzykliken und die Begrenzung der Macht am Niederrhein

‚Rerum Novarum‘ (1), die von Papst Leo XIII. verfasste Enzyklika umfasst 25 Seiten, wurde am 15. Mai 1891 veröffentlicht und gilt bis heute als Mutter aller Sozialenzykliken. ‚Rerum Novarum‘ war eine späte Antwort auf das „kommunistische Manifest“ von 1848 (2), eine Reaktion auf die Verwerfungen einer kapitalistisch organisierten industriellen Revolution, die Innovation und Fortschritt erzeugte, aber gleichzeitig zu entsetzlichen Bedingungen für die Fabrikarbeiter und -arbeiterinnen führte. Der Papst setzte auf Temperierung des Kapitalismus durch staatliche Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie auf einen Ausgleich von Kapital und Arbeit über Vereinbarungen zwischen Unternehmern und organisierten Arbeitern. Er wollte Klassenkonflikte entschärfen und Revolutionen verhindern, aber nicht die Eigentumsordnung verändern.

Am Niederrhein traf Rerum Novarum auf eine Region, die von Kohle, Stahl, Textilindustrie und  sozialer Verdichtung geprägt war. Die Enzyklika legitimierte ausdrücklich soziale Rechte der Arbeiter und Arbeiterinnen: gerechte Löhne, Vereinigungsfreiheit, Schutz vor reiner Marktlogik und die moralische Verantwortung des Eigentums. Dadurch entstand im katholischen Milieu des Rheinlands neben der sozialdemokratischen eine eigenständige katholisch geprägte Arbeiterbewegung, die die Arbeitenden als Schutzbedürftige, aber nicht als autonome politische Subjekte definierte.

Diese Enzyklika begründete die katholische Soziallehre als einen unabhängigen Weg zwischen dem radikalen Liberalismus und dem atheistischen Sozialismus - maßgeblich vorangetrieben durch den 1890 in Mönchengladbach begründeten Volksverein für das katholische Deutschland. (3) (4). Er half, Klassenkonflikte abzumildern und prägte das Bild einer Wirtschaft als eine gesellschaftliche Verantwortungsgemeinsachaft.  Der Volksverein wurde 1933 im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltung zerstört (5) und 1983 neu gegründet – diesmal vor dem Hintergrund der Krise der Textilindustrie am linken Niederrhein – als praxisorientierte Initiative gegen Arbeitslosigkeit. Heute ist der Volksverein eine der bekanntesten sozialen Einrichtungen Mönchengladbachs.

Die von Papst Leo XIV. verfasste Enzyklika „Magnifica humanitas“ (6) wurde genau 135 Jahre nach „Rerum Novarum“ am 15. Mai 2026 unterzeichnet und am 25. Mai 2026 veröffentlicht. Denn Leo XIV beruft sich auf seinen Namensvorgänger:

„In der von Leo XIII. begründeten Tradition bekräftigt die Kirche erneut „ihre entschiedene Verurteilung aller Formen von Sklaverei, Menschenhandel und der Kommerzialisierung von Menschen und mahnt die Dringlichkeit einer breit angelegten Denk- und Handlungsinitiative an, die die unveräußerliche Würde eines jeden Menschen und das Gemeinwohl als Ziele der Gesellschaft und als Maßstäbe für alle persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen in den Mittelpunkt rückt.“ (6, Absatz 174)

Der Papst möchte KI entwaffnen, sie der Logik des bewaffneten miltitärischen, wirtschaftlichen und kognitiven Wettrennens um den leistungsfähigsten Algorithmus und die größte Datenbank entziehen. Er appelliert an die ethische und geistige Verantwortung der KI-Entwickler.

  „So wie der Schöpfer eines künstlerischen oder literarischen Werks die Werte bedenken muss, die es zum Ausdruck bringt, so sind auch sie gehalten, die Werte, die sie in ihre Projekte einfließen lassen, mit der gebotenen Ernsthaftigkeit zu behandeln: mit Transparenz, mit Verantwortung gegenüber den betroffenen Gemeinschaften und mit Achtsamkeit, um sicherzustellen, dass das, was da entsteht, tatsächlich ein Gut ist.“ (6,  Absatz 111)

Das technokratische Paradigma könne eine menschenfeindliche Anschauung als normal erscheinen lassen: „eine Anschauung, nach der die Fülle des Lebens darin besteht, mehr zu besitzen, Schwächen zu reduzieren, Unvorhergesehenes auszuschließen und alles unter Kontrolle zu haben. Wenn Effizienz zum Wertmaßstab wird, ist der Mensch versucht, sich selbst als ein zu optimierendes Projekt zu betrachten und nicht als ein Geschöpf, das zu Beziehung und Gemeinschaft berufen ist.“ (6,  Absatz 112) Denn wenn „technische Macht nicht ausgeglichen wird, macht sie uns nicht fähiger, sondern einsamer und anfälliger für eine Logik der Herrschaft und der Ausgrenzung.“ (6, Absatz 113)

Seit einigen Jahren pflügt eine nahezu unkontrollierte Ausbreitung der KI Wirtschaft, Gesellschaft und das Leben des Einzelnen um. Wer profitiert? Wer zahlt? Wer entscheidet?
Der Papst betont den Schutz der Menschenwürde und die demokratische Kontrolle technologischer Macht, warnt vor Manipulation  und vor der Konzentration von Macht in wenigen Konzernen.

Was in der industriellen Revolution die Produktionsmittel und das Fabriksystem waren, sind heute Datenökonomie, algorithmische Steuerung und Automatisierung. Es geht erneut um die grundlegende Frage, wie technische und ökonomische Dynamiken moralisch und politisch begrenzt werden sollten, um der Menschheit zu dienen. Technologische Innovationen müssen der Würde des Menschen und dem Gemeinwohl verpflichtet bleiben, damit „wir Zeugnis geben können von der Schönheit einer großartigen Menschheit, in der Gott gegenwärtig ist.“ (6, Absatz 245)

Die alte Sozialenzyklika entstand im Zeitalter der Dampfmaschinen und Fabriken; die neue im Zeitalter der Algorithmen und Rechenzentren. Beide reagieren auf dieselbe Grundfrage:
Was geschieht mit dem Menschen, wenn technische Systeme schneller wachsen als soziale Institutionen?

Nordrhein-Westfalen hat bereits industrielle Übergänge erlebt und versucht derzeit, sich als europäische KI-Region zwischen Industrie, Mittelstand, Hochschulen und öffentlicher Infrastruktur zu positionieren. Wer besitzt die Rechenzentren? Wem gehören die Daten? Wer kontrolliert die Algorithmen? Wer profitiert von ihnen?

Es wäre eine Gelegenheit, die kapitalistische Marktlogik zu begrenzen, algorithmische Entscheidungen zu demokratisieren und gemeinwohlorientierte Datenräume zu schaffen, anstatt in einer Plünder- und Plundergesellschaft Daten und Güter zu Lasten von Mensch und Umwelt anzuhäufen. 

Der Volksverein in Mönchengladbach wirbt mit „Teilen macht reich“ (7) Derzeit teilen wir unsere Vorlieben und Emotionen auf digitalen Plattformen. Die nutzen das für Werbung und Verhaltenssteuerung und sorgen für unseren Kontrollverlust und unsere Erschöpfung. Bisher teilt “der Kapitalismus” fast immer seine Folgekosten, aber selten seinen Reichtum…

Verweise
1. Papst Leo XIII. Rerum novarum. Über die Arbeiterfrage. [Online] 15. Mai 1891. https://www.iupax.at/dl/OmnLJmoJnnmJqx4KJKJmMJMLMm/1891-leo-xiii-rerum-novarum.pdf

2. Karl Marx und Friedrich Engels. Manifest der Kommunistischen Partei. [Online] März 1848. https://marx-wirklich-studieren.net/wp-content/uploads/2012/11/marx-engels-manifest.pdf

3. Markus Lingen. 15. Mai 1891: Veröffentlichung der Sozialenzyklika „Rerum novarum“ durch Papst Leo XIII. Konrad-Adenauer-Stiftung. [Online] [abgerufen am 26. Mai 2026.] https://www.kas.de/en/web/geschichte-der-cdu/calendar-detail/-/content/veroeffentlichung-der-sozialenzyklika-rerum-novarum-durch-papst-leo-xiii.

4. Volksverein Mönchegladbach. Geschichte und Idee. [Online] abgerufen am 26. Mai 2026.] https://www.volksverein.de/wir-ueber-uns/geschichteundidee/

5. Gotthard Klein. Der Volksverein für das katholische Deutschland (1890–1933). Portal Rheinische Geschichte. [Online] [abgerufen am 26. Mai 2026.] https://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/der-volksverein-fuer-das-katholische-deutschland-1890%E2%80%931933/DE-2086/lido/57d12812963b54.15744576

6. Papst Leo XIV. Magnifica Humanitas. Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. [Online] 25. Mai 2026. https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html

7. Volksverein Mönchengladbach. Teilen macht reich. [Online] [abgerufen am 26. Mai 2026.] https://www.volksverein.de/home/

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