GRENZLANDGRÜN   
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05.06.2026

Unbekannte Schadstoffe im Wasser – ein Systemerfolg?

RIWA Rijn ist die niederländische „Vereinigung der Flusswasserunternehmen“ für das Rheineinzugsgebiet. Sie vertritt vor allem die Interessen jener Trinkwasserversorger, die Rheinwasser zur Gewinnung von Trinkwasser nutzen. Gegründet wurde die Organisation 1951 als Zusammenschluss niederländischer Wasserwerke. RIWA Rijn möchte das Rheinwasser so sauber halten, dass Trinkwasser ohne immer aufwendigere technische Filter und Reinigungsverfahren aufbereitet werden kann. Unter dem Motto „Was nicht hineinkommt, muss auch nicht wieder heraus“ betreibt die Vereinigung ein umfangreiches Monitoring zur Rheinwasserqualität und schafft Datengrundlagen, die häufig in wasserpolitischen Debatten, Behördenverfahren und Umweltberichten genutzt werden.

RIWA-Rijn hat am 15. April 2026 die Bezirksregierung Köln aufgefordert, zusätzliche Maßnahmen gegen die PFAS-Einleitungen aus der Kläranlage Leverkusen-Bürrig zu ergreifen. Hintergrund ist eine Analyse von Messdaten. Sie zeige, dass die PFAS-Einleitungen, insbesondere von PFBS (Perfluorbutansulfonsäure), die festgelegten Referenzwerte regelmäßig überschreiten und gelegentlich Spitzenwerte aufweisen. Das könne Umwelt- und Gesundheitsschäden verursachen.

Am 6. März 2025 wurde im gereinigten Abwasser der Kläranlage Leverkusen-Bürrig ein über das fünfzigfache über dem Richtwert liegender Spitzenwert von 1803 g PFBS gemessen. Ursache könnte das Sickerwasser einer Industrieabfalldeponie auf dem Gelände des ChemPark Leverkusen sein. RIWA setzt sich bei der Bezirksregierung Köln dafür ein, dass derartiges Sickerwasser nach denselben strengen Vorschriften behandelt wird, die nach dem Explosionsereignis bei Currenta am 27. Juli 2021 für kontaminiertes Löschwasser galten.

Die Messfrequenz an dieser Stelle wurde nach Angaben von RIWA von 44 Messungen im Jahr 2022 auf 11 Messungen im Jahr 2025 reduziert. Und in der zweiten Hälfte des Jahres 2025 betrug der durchschnittliche Abstand zwischen den Messungen mehr als 50 Tage. Angesichts des Musters der beobachteten Höchstwerte hält RIWA diese Messfrequenz für unzureichend. Ein Intervall von mehr als 14 Tagen mache es unmöglich, kurzzeitige Spitzeneinleitungen angemessen zu erkennen. (1)

Niemand weiß genau, wie viele Chemikalien im Rheinwasser enthalten sind. Moderne Messverfahren zeigen jedoch, dass es deutlich mehr Stoffe sind, als die Behörden routinemäßig überwachen können. Nach Schätzungen des nordrhein-westfälischen Landesumweltamtes (heute LANUK) befinden sich im Rhein bis zu 30.000 verschiedene chemische Substanzen (2)

Nur bei einem Bruchteil kennen Forscher die Wirkung auf Mensch und Umwelt. Über 90% der Substanzen gelten als unbekannt oder unerforscht. Die Klimakrise wird das Problem noch deutlich verschärfen. Bei Niedrigwasser in heißen, niederschlagsarmen Zeiten steigt die Konzentration der giftigen Substanzen automatisch. Oft zeigt sich die Gefährlichkeit von Chemikalien erst nach Jahrzehnten.

 „Viele der heute unbekannten Stoffe könnten sich bald als toxikologisch bedenklich erweisen. Wir erleben die absurde Situation, dass eine Armada von Wissenschaftlern Stoffe erforscht, die die Industrie sehr genau kennen dürfte. Aber niemand zwingt sie, diese offenzulegen“, sagt Werner Brack, Ökotoxikologe am Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) gegenüber CORRECTIV. (3) „In einem Glas Rheinwasser finden sich an einem beliebigen Tag Hunderte Stoffe unbekannter Herkunft. Und mit jedem Kilometer flussabwärts werden es mehr. In Köln-Leverkusen sind es doppelt so viele wie in Basel, in den Niederlanden wiederum fast doppelt so viele wie in Köln-Leverkusen.“ (3)

Die Schadstoffquellen des Rheins sind vielfältig. Chemieparks in Leverkusen, Dormagen, Krefeld, der Raum Köln, die Ruhrregion sowie Zuflüsse aus der Schweiz, Frankreich und den Niederlanden tragen zu einer komplexen Stoffmischung des Rheinwassers bei.

Die ehemalige EU-Umweltkommissarin Margot Wallström gilt als Mutter der europäischen Chemikalienverordnung REACH. Ihre Grundregel für Chemikalien lautete „Keine Daten, kein Markt.” Die Hersteller und Importeure von Chemikalien sollten mit der obligatorischen Registrierung Daten vorlegen und die von den Stoffen ausgehenden Risiken selbst bewerten. Das heißt, ohne Registrierung sollten Chemikalien nicht in Verkehr gebracht werden.

Doch es gab und gibt Ausnahmen für Pflanzenschutzmittel, Medikamente oder manche Polymere. Heute werden ständig neue Stoffe produziert. Viele entstehen auch ungesteuert - durch biologische Prozesse und chemische Reaktionen: Chemie-Cocktails mit unbekannter Wirkung.

Die eigentliche Herausforderung sind wohl nicht die bekannten Schadstoffe, sondern die vermeintlich unbekannten. In ihrem Buch „Die Vergiftung der Welt” beschreibt die Journalistin Mariah Blake anhand der US-amerikanischen PFAS-Geschichte, dass viele Chemikalien jahrzehntelang als unproblematisch galten, obwohl Hersteller und Behörden bereits die Risiken kannten. In den von Blake beschriebenen US-Fällen verloren viele Bürger und Bürgerinnen ihr Vertrauen in Unternehmen und Behörden. Das eigentliche politische Problem war das Gefühl, nicht rechtzeitig informiert worden zu sein. (4)

RIWA betont, dass der Schutz des Rheins eine gemeinsame Verantwortung aller Rheinanrainerstaaten ist. Die Organisation verweist auf Europäische Verordnungen wie die Wasserrahmenrichtlinie und die Industrieemissionsrichtlinie. Die unterstreichen den quellenorientierten Ansatz und die Verhinderung einer Verschlechterung der Wasserqualität; Es sei besser die Freisetzung schädlicher Stoffe zu verhindern als sie im Wasser zu messen.

Dass dies nicht geschieht, ist wohl kein Problem schlechter Menschen, sondern eines vermeintlich erfolgreichen Systems, das Unternehmen immer noch zwingt, Umweltkosten zu externalisieren. Wer die Umwelt schützen will, hat immer noch Wettbewerbsnachteile…

Verweise

1. RIWA Rijn. Schreiben an die Bezirksregierung Köln. [Online] 15. April 2026. https://www.riwa-rijn-publicaties.nl/DU/Presseberichte/Brief-BR-Koeln-DU-15.-April-2026.pdf

2. Detlef Schmalenberg. Der Mythos vom sauberen Rhein. Kölner Stadtanzeiger. [Online] 4. Februar 2026. https://www.ksta.de/politik/nrw-politik/30-000-chemikalien-der-mythos-vom-sauberen-rhein-1-1206209

3. Gesa Steeger, Annika Joeres und Finn Schöneck. Das unsichtbare Gift im Rhein. [Online] 3. Februar 2026. https://correctiv.org/aktuelles/kampf-um-wasser/2026/02/03/wie-die-industrie-den-rhein-mit-unbekannten-stoffen-verschmutzt/

4. Mariah Blake. Die Vergiftung der Welt. Der globale PFAS-Skandal und wie er vertuscht wird. Oekom München, 2026. ISBN 978-3-98726-515-0

Grenzlandgruen - 19:38 @ Akteure und Konzepte, Aus Wissenschaft und Forschung | Kommentar hinzufügen

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