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01.09.2026
Rheinwassertransportleitung – Fehlplanung und Versagen der Wissenschaft? – Georg Gellert zu den Risiken der Rheinwasserentnahme in Dormagen
Der Bau der insgesamt etwa 45 Kilometer langen Rheinwassertransportleitung zur Befüllung der Braunkohlenrestlöcher nach Tagebauende und zur Stützung der von der tagebaubedingten Grundwasserabsenkung betroffenen Feuchtgebiete hat am 2. März 2026 mit den Arbeiten für die Einrichtung der Baustelle für das geplante Pumpbauwerk in Dormagen-Rheinfeld begonnen.
Zuvor hatte der am 31.März 1995 genehmigte Braunkohlenplan Garzweiler II die Befüllung des Garzweiler-Restsees mit Rheinwasser sowie die Bereitstellung von Ersatz-, Ausgleichs- und Ökowasser mit Rheinwasser nach 2030 als Ziele der Raumordnung festgelegt. Der Braunkohlenausschuss hat die Trasse für dieses zentrale wasserwirtschaftliche Infrastrukturprojekt einer Rheinwassertransportleitung – RWTL - am 27. Oktober 2023 einstimmig beschlossen. (1)
RWE hatte dazu den Rahmenbetriebsplan am 26. Juni 2024 (2) – RWTL - bei der Bezirksregierung Arnsberg beantragt. Die Bezirksregierung hat daraufhin die RWTL mit einem 1255 Seiten umfassenden Planfeststellungsbeschluss am 29. Januar 2026 genehmigt. (3) Der regelt primär das Baurecht und die Entnahmemengen aus dem Rhein. Die Qualität des Rheinwassers ist umstritten Die verbindlichen wasserrechtlichen Erlaubnisse für die tatsächliche Einleitung des Wassers in die Tagebaue (und damit die genauen Grenzwerte) stehen noch aus. Zur Vorbereitung dieser Erlaubnisse soll im bevorstehenden Herbst ein von der NRW-Landesregierung beauftragtes Gutachten des Grundwasserzentrums Dresden erscheinen.
Am 11. August 2026 forderte der BUND NRW angesichts der Dürre einen „Plan B“ für die Befüllung (4)
Dr. Georg Gellert ist Agrarwissenschaftler mit Schwerpunkt Hydromorphologie und Wasserrahmenrichtlinie. Er lebt in Bonn, war im LANUV tätig und leitete drei Jahre den Landesarbeitskreis Wasser NRW. Der Wissenschaftler und Wasserschützer hat die Risiken bei der Rheinwasserentnahme für die RWTL untersucht und seine Ergebnisse in einem Gastbeitrag für den Blog „Lebensraum Wasser“ zusammengefasst. (5)
Gellert argumentiert, dass die RWTL auf einem groben Planungsfehler beruht, weil die wahren Gefahren durch den Chemiepark in Dormagen systematisch ignoriert wurden und die Wissenschaft ihre grundlegende Verantwortung verfehlt habe.
Im Einzugsgebiet des Rheins befinden sich tausende Industrieanlagen, deren Abwasserzusammensetzung - trotz staatlicher Aufsicht - weitgehend unbekannt ist.
Die geplante Entnahmestelle Dormagen-Rheinfeld läge zudem nur 2 km unterhalb des Ablaufs der Industriekläranlage des Chemieparks Dormagen. Dort produziere Bayer CropScience unter anderem Pflanzenschutzmittel mit Wirkstoffen, die in der EU nicht mehr zugelassen sind. Der Autor zitiert Studien, die belegen, dass Abwasserfahnen von Kläranlagen oft eine Länge von 12 bis 14 km erreichen können, bevor sie sich vollständig mit dem Flusswasser vermischen. Die Entnahmestelle liege also mitten in dieser hochbelasteten Abwasserfahne.
„Innerhalb der zwei Kilometer Fließstrecke, zwischen der Einleitstelle der Industriekläranlage und der Entnahmestelle, ist das Abwasser nicht gleichmäßig in der Strömung verteilt, und deshalb ist die Gefahr besonders groß, dass unzählige toxische und persistente Stoffe in größeren Konzentrationen, die von dieser Industriekläranlage nicht zurückgehalten werden können, die 2 km Fließstrecke im Rhein schnell überbrücken und über die Transportleitung das Gebiet von Hambach und Garzweiler erreichen“ (5) Die Industriekläranlage selbst sei zudem nur dreistufig (ohne chemische Stufe) und könne daher viele der komplexen, oft unbekannten Mikroschadstoffe (wie PFAS, Pestizide, Industriechemikalien) nicht aus dem Wasser entfernen.
Die Produktion in Dormagen sei ständigen Schwankungen unterworfen, was zu unberechenbaren Stoßbelastungen des Rheins führt. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Klima (LANUV NRW) schätze, dass sich im Rhein bis zu 30.000 chemische Stoffe befinden, von denen nur ein Bruchteil überhaupt gemessen wird.
Die von RWE in Auftrag gegebene Unbedenklichkeitsstudie (”Prognose der limnologischen Entwicklung des Tagebausees Garzweiler II”) komme trotzdem zu dem Schluss, dass das Rheinwasser („Förderband für Mikroschadstoffe”) für RWTL, die Seebefüllung und die Grundwasseranreicherung geeignet sei. Diese Schlussfolgerung ist aus Sicht Gellerts wissenschaftlich nicht haltbar. Denn diese Bewertung stütze sich auf behördliche Monitoringdaten, die an der entscheidenden Messstelle oberhalb der Entnahme nur viermal im Jahr erhoben wurden. Das sei eine viel zu geringe Frequenz, um die dynamische und stoßartige Belastung des Rheins durch die Industrie abzubilden. Hier geht Gellerts Kritik in dieselbe Richtung wie der niederländischen RIWA. (6) (7)
Gellert moniert, dass die Gutachter die unmittelbare Nähe zum Chemiepark Dormagen und seine spezifischen Risiken nicht ausreichend untersucht haben. „Zusammenfassend kann der Schluss gezogen werden, dass ein derartiges Gutachten sich verheerend auf die Menschen und auf die Umwelt auswirken wird, falls die wasserrechtliche Erlaubnis für die Einleitung des Rheinwassers in die Tagebaue im Herbst 2026 auf der Basis der Empfehlung dieses Gutachtens erteilt würde.”(5)
Gellert verweist auf eine technische Möglichkeit: eine Reinigungsanlage für das Rheinwasser, vergleichbar mit der weltweit größten Anlage in Ägypten (Bahr Al Baqr), die bei einer Größe von 65 Hektar und Kosten von 865 Millionen Euro eine vergleichbare Wassermenge (bis zu 5,6 Mio. m³/Tag) mit Ozon reinigen kann. Der Bau einer solchen Anlage würde das Vorhaben aber extrem verteuern und aufwändig machen…
Verweise
1. Bezirksregierung Köln. Aktuelle rechtsverbindliche Braunkohlenpläne. [Online] [abgerufen am 1. September 2026.] https://www.bezreg-koeln.nrw.de/themen/kommunales-planung-bauen-und-verkehr/braunkohlenplanung/aktuelle-rechtsverbindliche
2. RWE. Rheinwassertransportleitung. Rahmenbetriebsplan für den Bau und Betrieb der Rheinwassertransportleitung zu den Tagebauen Garzweiler und Hambach einschließlich Wasserentnahme. [Online] 26. Juni 2026. https://www.bund-nrw.de/fileadmin/nrw/dokumente/braunkohle/240708-RBP-RWTL-unterschrieben.pdf
3. BUND NRW. Rheinwassertransportleitung. [Online] [abgerufen am 1. September 2026.] https://www.bund-nrw.de/themen/braunkohle/hintergruende-und-publikationen/braunkohle-und-umwelt/rheinwassertransportleitung/
4. BUND NRW. Tagebauseen: BUND fordert „Plan B“ für die Befüllung. Zunehmende Dürre stellt geplante Entnahme des Rheinwassers infrage. [Online] 11. August 2026. https://www.bund-nrw.de/presse/detail/news/tagebauseen-bund-fordert-plan-b-fuer-die-befuellung/
5. Georg Gellert. Welche Gefahren bei der Rheinwassertransportleitung hat die Wissenschaft übersehen? Lebensraum Wasser. [Online] 27. August 2026. https://www.lebensraumwasser.com/rheinwasserentnahme-fur-die-tagebauseen/
6. Grenzlandgrün. Unbekannte Schadstoffe im Wasser - ein Systemerfolg? [Online] 5. Juni 2026 https://www.grenzlandgruen.de/Blog;focus=TKOMSI_com_cm4all_wdn_Flatpress_22892279&path=?x=entry:entry260605-193800#C_TKOMSI_com_cm4all_wdn_Flatpress_22892279__-anchor
7. Grenzlandgrün. RIWA-Rijn - Jahresbericht 2025: Über Defizite deutscher Genehmigungsverfahren. [Online] 1. September 2026. https://www.grenzlandgruen.de/Blog;focus=TKOMSI_com_cm4all_wdn_Flatpress_22892279&path=?x=entry:entry260901-155046#C_TKOMSI_com_cm4all_wdn_Flatpress_22892279__-anchor
Grenzlandgruen - 16:10 @ Akteure und Konzepte, Wirtschaft, Umwelt | Kommentar hinzufügen
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