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Samstag, 14. Mai 2022

Unsicherheitsdichtungen

© Alexas Fotos auf pixabay

„Erst ein Summen, dann ein Chor, dann ein Schreien in Harmonie - Veränderung in der Luft, nur zu Greifen scheinbar nie.
Casper (feat. Drangsal): Keine Angst. Juli 2017

„Was ist, was tun, was wird? – Das treibt uns um, wie lange nicht.“
Heiner Kiesel: Was Unsicherheit mit uns macht. DLF-Kultur am 26. April 2021

„Derzeit ist die Unsicherheit generell zu hoch.“
Jens-Oliver Niklasch. Tagesschau.de am 10. Mai 2022

„Die Unsicherheit ist gekommen, um zu bleiben.“
Eduard Müller bei der Präsentation des österreichischen FMA-Jahresberichts am 10. Mai 2022

„Die totale Unsicherheit ist unaushaltbar, man muss anscheinend nach festen Punkten suchen, die Richtung geben.“
Christof von Eynem: Ulrichs seltsamer Appetit aufs andere: Ein essayistisches Lebensbild. BoD 2020

„Wie groß das Gefühl der Unsicherheit ist: das verrät sich am meisten in dem Entzücken an kleinen festen Tatsachen. […] zuletzt wird die Unsicherheit so groß, dass die Menschen schon vor jeder Willenskraft, die befiehlt, in den Staub fallen.“
Friedrich Nietzsche: Die Fragmente von Frühjahr 1884 bis Herbst 1885, Band 5

„Zweite Meinungen sind nur einen Klick entfernt.“
Heiner Kiesel: Was Unsicherheit mit uns macht. DLF-Kultur am 26. April 2021

„Wenn man Google befragt, dann kommt ja bei den einfachsten Dingen der Exitus letalis raus..“ 
Dora Manger Frauenärztin aus Kitzingen am 26. April 2021 in DLF-Kultur

„Wenn ich wüsste, dass wir am Vorabend einer apokalyptischen Entwicklung stehen, dann würde ich mir jetzt eine Flasche Rotwein schnappen. Aber davon bin ich nicht überzeugt. Ich werde heute Abend nüchtern bleiben.“
Reinhold von Eben Worlée in „The Pioneer Briefing“ vom 10. Mai 2022

„Dichtungen spielen eine entscheidende Rolle bei der Leistung von Systemen. […] Dynamische Dichtungen kommen dort zum Einsatz, wo sich die Grenzflächen bewegen.“
Wlw – inside business: Dichtungen - das sollten sie wissen


Samstag, 7. Mai 2022

Resignierkunst

© Gerhard G. - pixabay

„Der  geschichtliche Sinn der Epoche ist zutiefst an Resignation gebunden.“
Ernst Heilborn: Der Geist der Bismarckzeit 1848 – 1918. 1929

„Als Great Resignation oder Big Quit wird der […] Trend bezeichnet, dass Arbeitnehmer*innen infolge der COVID-19-Pandemie ihren Arbeitsplatz kündigen. […] In Deutschland liegt die Kündigungsquote vonseiten der Arbeitnehmer*innen mit 6,0 % auf einem europäischen und vermutlich weltweiten Höchststand. […] Die Unternehmen werden gezwungen sein, die Arbeitsbedingungen für ihre Beschäftigten deutlich zu überdenken.“ 
Bedeutung online: Was ist die „Great Resignation“? Bedeutung, Definition, Erklärung

Daher sah man oft Menschen, die ein sehr bewegtes Leben im Drange der Leidenschaften geführt, Könige, Helden, Glücksritter, plötzlich sich ändern, zur Resignation und Buße greifen, Einsiedler und Mönche werden.“ 
Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. Band 1. 1892

„Virtuosität ist gerade jetzt auf allen Gebieten gefragt. Ansonsten würde man in die Position eines resignierten Verlierertums einwilligen. […] Freiheit ereignet sich, sobald man sich von einer Illusion trennt.“
Peter Sloterdijk in der ZEIT vom 28. April 2022, S. 57

„Man sollte vital resignieren. […] Es ist etwas anderes, ob man mit einem Haferschleim resigniert oder mit einem guten Beaujolais.“
Gerhard Polt im SZ-Magazin vom 29. April 2022

„Es resigniert niemand, sowenig als das Wasser resignieren kann, Wasser zu sein, solange es noch Wasser ist. – Und Resignation ist nach meinem Begriff nichts als eine lächerliche Selbstgefälligkeit in einer notwendigen Veränderung unserer Selbst, welche Veränderung durch diese lächerliche Selbstgefälligkeit allein entsteht.“
Bettina von Armin: Clemens Brentanos Frühlingskranz. 1844


Samstag, 30. April 2022
Hexenkesselglanz

© Rainer Sturm - pixelio.de

„Die Söhne des Reichs werden hinausgeworfen werden in die äußere Finsternis; daselbst wird sein Heulen und Zähneknirschen." 
Matthäus 8, 12

„Dieses Zähneknirschen, das Geklapper, das Gekeife, diese Phantasiewelt. Das ist wie eine Bewusstseinsstufe tiefer. Da läuft eigentlich die Erleuchtung.“
Charly Hübner. Rolling Stone. Oktober 2021, S. 70

„Nichts ist so schauerlich und gemein, dass man es dem Treiben der Hexen in dieser Nacht nicht zuschrieb. Was nicht alles ließ man sie in den Hexenkessel tun zum Gebräu des Hexentrankes! Mit dem „Hexenschuss“ konnten sie den Menschen lähmen, sie konnten das „Hexenwetter“ und das „Teufelswetter“ machen, Feld und Flur verderben, ja sich an neugeborenen Kindern vergreifen und das Vieh verzaubern. […]
In manchen Gegenden Deutschlands macht man am Walpurgisabend, ‚wenn auch halb im Scherz‘ Drudenfüße vor die Türen bei Wohnung und Stall, nagelt auch wohl ein Hufeisen davor, um die Hexen abzuwehren. Alte Großmütter legen in dieser Spuknacht immer noch die Strümpfe ihrer Enkelkinder über Kreuz vor das Bett. […]
Froh war man dann, wenn die schreckliche Nacht vorüber war, ohne dass der Gottseibeiuns einem ein Leids getan. Und wie Goethe, der eben nicht nur der Dichter der Walpurgisnacht ist, mochten sie das „Mailied“ jubeln:
Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!“

Paul J. von Lone: Walpurgisnacht. Aus "Welt und Heimat", 28. April 1926



Samstag, 23. April 2022

Erdverschmähung

© Sammy Sander - pixabay

„Es gibt einen großen Bedarf und wachsende Unterstützung für die Einführung neuer Werte in unserer Gesellschaft – wo größer nicht unbedingt besser ist – wo langsamer schneller sein kann – und wo weniger mehr sein kann.“
Senator Gaylord Nelson am 19. Januar 1970 bei der Vorstellung einer Umweltagenda im US-amerikanischen Kongress

„Wie wäre es, wenn wir den ‚Earth Day‘ einfach mal weglassen?“
Ruth Lang Fuentes in der TAZ vom 22. April 2022, S. 14

„Unser Ziel ist nicht nur eine Umgebung mit sauberer Luft und sauberem Wasser und landschaftlicher Schönheit. Das Ziel ist eine Umgebung mit Anstand, Qualität und gegenseitigem Respekt für alle anderen Menschen und alle anderen Lebewesen." 
Senator Gaylord Nelson am 22. April 1970 in Denver/ Colorado beim ersten „Earthday“

„Earth Day: Beauty-Produkte kaufen und dabei die Welt retten“
Glamour.de vom 22. April 2022

„Mit den folgenden Brands können wir den Earth Day supporten und unserer Umwelt etwas Gutes tun [… ] Mit Shopping Gutes tun? Lieben wir!"
Celina Struck: Earth Day 2022: Diese 7 Labels setzen sich für den Schutz unserer Umwelt ein – und so können wir durch unseren Einkauf Support zeigen. Glamour.de vom 22. April 2022

„Deine Kleider machen Leute - Nachhaltig, Bio & Fair steht Dir und der Erde besser
Earth Day Motto 2022 in Deutschland

„Es ist #EarthDay und das Internet trieft vor leicht bekömmlichen Öko-Shopping-Tipps, glänzenden Infos über Sustainability-Sparten von Megakonzernen & umweltbewussten Grüßen aus der Politik. Viel deutlicher könnte man der Erde "fuck you" gar nicht sagen.“
Luisa Neubauer – Tweet vom 22. April 2022

Samstag, 16. April 2022

Ernstfallhöhe

© Flavio Gaudencio - Pixabay

„Cyberangriffe, Sabotage, Nuklearterror - Deutschlands Sicherheitsbehörden bereiten sich auf den Ernstfall vor“
Spiegel online vom 8. April 2022

„Der Ernstfall steht kurz bevor.“
Johannes Pennekamp: Der Ernstfall. FAZ-Online am 29. März 2022

„Er sagte niemals Krieg, sondern immer nur Ernstfall…“
Franz Werfel. Kleine Verhältnisse. 1926

„Sobald gemeinsame Ernstfalldeutungen da sind, entstehen auch Koordinationen, die bleibende Erfahrungen von Solidarität hinterlassen.“
Peter Sloterdijk im WDR 3-Gespräch am 9. April 2022

„Glück auf!
Eine neue Genesung winkt!
Krank ist die Welt, seien wir offen,
Doch weil sie schon nach Kadaver stinkt
Und Blaukreuzgas aus dem Leichnam dringt,
Laßt uns das Beste hoffen!“
Jura Soyfer (1912-1939): Krupps Morgenliedchen

„Ja – fast hätten wir's vergessen, auch ein Telefon ist da! So daß man im Ernstfall einer völlig verschütteten und zerstörten Welt immer noch die Möglichkeit zu einem Fernruf hätte: »Hallo! Ist dort die Steinzeit? Hier zwanzigstes Jahrhundert! Wir bitten um einige technische Ratschläge zur Wiederherstellung des Friedens! Wie? Ihr wundert euch, daß wir als Zeitalter der Technik ...? Ja, aber liebe Freunde, wißt ihr denn nicht, daß unsere Technik andere Sorgen hat? Fast zur Hälfte ist sie damit beschäftigt, Mittel zur Zerstörung des Lebens zu entdecken; fast zur anderen Hälfte plagt sie sich ab, um die nötigsten Gegenmittel zu finden…“
Jura Soyfer (1912-1939): Der Kluge baut vor?


Samstag, 9. April 2022

Postcoronakratie

© Antonius Ntoumas - pixabay


„Bundesgesundheitsminister Lauterbach hat seine Ankündigung einer nur noch freiwilligen Isolation corona-positiv getesteter Personen ab Mai korrigiert. Diese würden dazu auch weiterhin von den Gesundheitsämtern aufgefordert, sagte der SPD-Politiker im ZDF. Beibehalten werden solle aber eine verkürzte Isolation von nur noch fünf Tagen. Die Einzelheiten wolle er im Laufe des Tages bekannt geben. Erst am Montag hatte Lauterbach nach Beratungen mit seinen Länderkollegen mitgeteilt, dass Infizierte ab dem kommenden Monat nur noch freiwillig in Isolierung müssten. Gleichwohl sollte ihnen „dringend empfohlen“ werden, jegliche Kontakte für fünf Tage zu meiden. Eine Anordnung des Gesundheitsamts war demnach nicht mehr geplant. Zur Begründung für seinen Sinneswandel führte der Minister aus, zwar wäre eine Entlastung der Gesundheitsämter sinnvoll gewesen. Zugleich aber hielte er nun das Signal, Covid-19 sei womöglich nicht mehr gefährlich, für zu verheerend.“
DLF-Nachrichten  6. April 2022

„Das Scheitern einer Corona-Impfpflicht ist von Politikern und Verbänden mit Bedauern aufgenommen worden. […] Im Bundestag hatte ein Gesetzentwurf der Ampelkoalition für eine Impfpflicht ab 60 Jahren nicht die erforderliche Mehrheit erreicht. Auch Anträge der Union, der AfD und einer Parlamentariergruppe um den FDP-Politiker Kubicki wurden abgelehnt.“
DLF Nachrichten vom 7. April 2022

„Keine Macht für niemand!“
Ton Steine Scherben, 1972

„Die Seuche ist erloschen. Man sieht viele blasse, abgehärmte Gesichter umherwandeln.“
Andreas Erdmann. Ostern 1832. Aus  Peter Rosegger. Die Schriften des Waldschulmeisters. Pest 1875

„Die resignative Abkehr von fast allen Infektionsschutzmaßnahmen erinnert stark an Rilkes ‚Herbsttag‘: Wer jetzt keine Impfung hat, gibt sich keine mehr -  und lässt es lange bleiben. […] Jetzt wird es ein Sommer im Vorgefühl der nächsten Katastrophe…“
Werner Bartens: Da habt ihr eure Freiheit. Süddeutsche Zeitung vom 6. April  2022, S. 9


Samstag, 2. April 2022

Korporativgeburt

Dank an Jean Photostock und Clarence Alford - Pixabay

„Die Verwüstungen in Mariupol und Charkiw künden vom Leid einer Generation, die am 23. Februar des 21. Jahrhunderts ins Bett ging, um am 24. Februar in der brutalisierten Welt des 20. Jahrhunderts aufzuwachen.“
Gabor Steingart: The Pioneer Briefing am 30. März 2021

„‘0 göttliches Zwanzigstes Jahrhundert!‘ rief er aus und schaute dabei bitter verzückt zur Decke empor. ‚Wie wenig gutes Bewußtsein hast du uns bedürftigen Nachkommen - Gedankensportlern! - übriggelassen!‘“
Botho Strauß: Die Unbeholfenen 2007, S. 62

„Zur Erinnerung: In vielen westlichen Ländern herrschte bis zum 24. Februar ein zum Teil ins Bizarre ausfransender Krieg um korrekte Sprache, in der um Gottes Willen auch nicht die allergeringste Spur von real existierender Gewalt mehr aufscheinen durfte. Student*innen forderten Triggerwarnungen und begannen Referate zu halten, in denen – unbesorgt um jede historische Tatsache – etwa von "Diktator*innen" die Rede war, und sie bildeten jederzeit sprachkampfbereite Einsatzgruppen, wenn jemand etwas aus ihrer Sicht Falsches sagte. Sie schleiften Heldendenkmäler und attackierten toxische Männlichkeit – und nun, von einem Tag auf den anderen, gibt es plötzlich männliche Kriegshelden, die martialisch agitieren und dafür Titel wie "Widerstandsikone" oder "Freiheitsheld" verliehen bekommen […] und nirgends von der Genderfront hört man auch nur die Frage: "Moment mal, was sind denn das für Rollenbilder, die hier gefeiert werden? […] Ich fand es gut, in einer postheroischen Zeit zu leben, Deserteure und "Schwächlinge" zu rehabilitieren und Generäle als Kriegsverbrecher zu dekonstruieren, wenn sie es denn waren. Und auch wenn mir der neue Reinheitsfetischismus der Sprachpolizist*innen suspekt war und ist, scheint er mir immer noch moderner als das Gefühl, beim Lesen der Zeitung gerade den Sound von Heinrich Manns "Untertan" entgegengeweht zu bekommen..“
Harald Welzer: Nirgends hört man ‚Moment mal‘? Stern.de vom 29. März 2022

„Diederich äußerte sein wärmstes Einverständnis. Es entsprach seinen Trieben, […] nicht persönlich, sondern korporativ im Leben Fuß zu fassen.“
Heinrich Mann: Der Untertan. Leipzig 1918,  S. 46


Samstag, 26. März 2022 

Himmelsregie

publicdomain pictures - pixabay

„Politik ist nur der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.“
Dieter Hildebrandt: Gute Zitate.com

„Das Transgas-Projekt der Wirtschaft entpuppte sich als ideale Ergänzung zur Brandt‘schen Ostpolitik. […] Das Auswärtige Amt hielt bereits 1969 einen Anteil von 20 Prozent sowjetischen Gases am deutschen Markt für denkbar. […] Die Geschichte der deutschrussischen Energiebeziehungen ist gleichzeitig auch eine Geschichte des deutsch-amerikanischen Konflikts."
Osteuropa-Informationen  1-2/2020

„US-Gasexporteure sehen die explodierenden Preise als fantastische Geschäftschance. Viele wollen frische Kapazitäten schaffen, um von der globalen Knappheit zu profitieren […] Allerdings gerät dies in Konflikt mit der Dekarbonisierung.“
Tagesschau am 27. September 2021

„Die EU will so schnell wie möglich von russischem Gas unabhängig werden. Unterstützung kommt nun aus den USA: Präsident Biden hat für dieses Jahr zusätzliche 15 Milliarden Kubikmeter Flüssiggas zugesagt. Auch langfristig soll mehr geliefert werden. […] Inmitten des Ukraine-Kriegs soll Indien nach übereinstimmenden Medienberichten unmittelbar davor stehen, einen neuen Öl-Deal mit Russland zu unterzeichnen. […] Während westliche Staaten nach Alternativen suchen, scheint Indien von einem Dumping-Angebot Gebrauch machen zu wollen.“
Tagesschau am 25. März 2022

„Es geht aktuell […] um die Frage, ob wir mit Russland in Zukunft noch im nennenswerten Umfang wirtschaftliche Beziehungen haben werden oder nicht.“ Oliver Hermes, Pressemitteilung vom 1. März 2022

„Wir haben verstanden, dass Sie die ‚Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft‘ fortführen wollen.“
Ansprache des Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, im Deutschen Bundestag am 17. März 2022

„Großartigerweise und das war ja das Ziel […] des Besuchs in Katar, kann ich sagen, dass fest vereinbart wurde, eine langfristige Energiepartnerschaft […] einzugehen.“
Robert Habeck am 20.3.2022 nach einem Treffen mit dem Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani. Tagesschau am 20. März 2022

„Wenn man  - wie Wirtschaftsminister Robert Habeck – von Putins Gas weg will und dafür nach Katar reisen muss, steht man vor einer Systemfrage.“
Luisa Neubauer in der TAZ vom 25. März 2022

„…alles wirkt so, als würde der Kabarettist Dieter Hildebrandt aus dem Himmel die Regie führen. In einer munteren Abfolge neuer Sketche seiner Erfolgsserie „Scheibenwischer“ haben all unsere Lieben ihren Auftritt…“
Gabor Steingart: The Pioneer Briefing vom 22. März 2022


Samstag, 19. März 2022

Weltbezogenheitsbindung

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„Ich denke über all die Geschichten nach, die wir über Geflüchtete erzählen, wie sie immer die eine oder die andere Geschichte sind, aber nie beide gleichzeitig. Tragische Geschichten oder bedrohliche Geschichten. Opfer oder Täter. Niemals kompliziert, immer simpel, immer mit sauberen Rändern. Handliche Schubladen in die Menschen gesteckt werden, die gezwungen waren zu fliehen.“
Helen MacDonald: Die Geschichte des Studenten. 2021

„Das politische Problem besteht darin, all diejenigen zu beruhigen und zu beherbergen die sich notgedrungen auf den Marsch begeben müssen, und sie dabei zugleich vom trügerischen Glauben an schützende Identitäten und undurchlässige Grenzzäune abzubringen […] Um zu beruhigen, müsste man zu zwei [...] komplementären Regungen fähig sein; sich einerseits an einen bestimmten Boden zu binden und andererseits weltbezogen zu werden.“
Bruno Latour: Das terrestrische Manifest. Berlin 2018, S. 20

„Wir müssen anfangen, das kollektive Wegsehen aufzuarbeiten. Die Ermüdung, wenn es um die komplexen politischen Fragen der Welt geht, die Hintergrundinformationen verlangen. [...] Strukturelles Denken fehlt. Aber auch der Glaube daran, dass wir gemeinsam etwas ändern können.“
Jagoda Marinić: Diskursive Kurzsicht. TAZ 16. März 2022, S. 10

„Stell Dir vor es geht und keiner kriegt's hin.“
Wolfgang Neuss (1985)

„Ach - zum Kuckuck! Ein Kuckucksruf genügt, und ich bin wieder bereit, an das Leben zu glauben, sogar an den Menschen. Der Mensch ist lernfähig…"
Christine Brückner: Bäume haben immer Recht. In Manfred Bissinger (Hg.) Auskunft über Deutschland. 1987, S.78

„Und zum Glück gibt‘s die Täuschung, was hätten wir sonst?
Dota Kehr: Zum Glück (2009)


Samstag, 12. März 2022

Gleichstellungsheld*innen

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„Dieses Gesetz dient der Gleichstellung von Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr sowie der Beseitigung bestehender und der Verhinderung künftiger Diskriminierungen wegen des Geschlechts.“
§ 1 Abs. 1  Gesetz zur Gleichstellung von Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr

„Dieses Gesetz ist im Spannungs- und Verteidigungsfall nicht anwendbar.“
§ 3 Abs. 4  Gesetz zur Gleichstellung von Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr

„Es ist auch für Männer ein legitimer Wunsch, nicht als Kanonenfutter zu enden oder in einem Häuserkampf sterben zu wollen. Wie grausam ist es, Menschen aufgrund ihres Geschlechts zu untersagen, sich vor Krieg in Sicherheit zu bringen?“
Juliane Frisse: Auch Männer haben ein Recht auf Weglaufen. ZEIT-Online 4. März 2022

„Jede und jeder soll frei von einengenden Rollenklischees das Leben gestalten können.“
Bundesfamilienministerin Anne Spiegel zum Internationalen Frauentag am 8. März 2022 in der WELT, S. 4

„Der Held – das war zunächst einmal immer ein Mann. […] Das Wort ‚Held‘ leitet sich ab vom altgermanischen Substantiv Halil oder Halub. Es bedeutet so viel wie ‚Krieger‘ – oder schlicht: ‚Mann‘. […] Männlichkeit ‚ist‘ nicht. Sie muss durch bestimmte Akte, Mutproben, Prüfungen, Grenzerfahrungen immer neu verifiziert werden.“
Rebekka Reinhard und  Thomas Vašek: Wer rettet den Helden? - ZEIT-online 7. Juli 2019

„Meistens ist Heldentum eine Geschichte und keine Eigenschaft. Und die Geschichte hängt wahnsinnig davon ab, was das Umfeld, was das Publikum gerade braucht [...]. Helden tauchen oft in den Krisenzeiten auf.“
Elena Fellner, BR 24 am 7. Mai 2021

„Was, wenn wir alle empfindsame Weicheier wären, weltweit? Wäre das nicht auf Dauer hilfreicher als eine neue Spirale von Verteidigungsbereitschaft Gewalt, Eskalation?
Verena Carl: Die Angst einer Mutter. Christ und Welt. 10. März 2022, S. 5

„Die große Heldenerzählung aus dem Krieg […] hat Generationen überdauert und rockt voll durch. Niemand spricht darüber, was sind das eigentlich für Rollenbilder, was sind das für Heldenbilder. Tapferkeit und Vaterland - ein Begriffsinventar, das automatisch abgerufen wird...“
Harald Welzer am 4. März 2022 im Phoenix-Podcast

„Solange nach der Laune einiger Männer Tausende unserer Brüder ganz rechtmäßig abgeschlachtet werden, wird der Teil der Menschheit, der sich dem Heldentum widmet, das sein, was in der ganzen Natur am verabscheuungswürdigsten ist.“ 
Voltaire: Philosophisches Taschenwörterbuch. 1764


Samstag, 5. März 2022

Sinnverpflanzung

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„Wenn der Krieg anhält, werden wir die Verlierer sein. In einigen Teilen des Landes hungern die Menschen schon jetzt.“
Sam Kingori aus Nairobi in Antje Diekhans: Ostafrika fehlt der Weizen. Tagesschau.de am 5. März 2022

„In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“
Egon Bahr am 3. Dezember 2013 im Friedrich-Ebert-Haus Heidelberg beim Gespräch mit Schüler*innen im Rahmen der „Willy-Brandt-Lesewoche“

„Manche sagen, Putins Leistung war, 'to make EU great again', die Europäische Union wieder groß zu machen. Das trifft es ganz gut. Tragischerweise müssen Menschen sterben, damit wir zu dieser Einheit kamen."
Ingrida Šimonytė am 3. März 2022 in der Süddeutschen Zeitung, S. 5

„Dennoch wirkt Putins Krieg gegen die Ukraine für die EU wie ein Lebenselixier, rechts und links werden heilige Kühe geschlachtet und ein neuer Wind weht durch Europa.“
Barbara Wesel: Wie Putin Europa verändert. Deutsche Welle am 1. März 2022

„Nein, das ist kein guter Tag für Europa. Es sind beklemmende Zeiten...“
Sonja Zekri: Moment mal. Süddeutsche Zeitung vom 1. März 2022, S. 9

„Als Folge des Kriegs sitzen nun Zivilität und Antimilitarismus auf der Anklagebank - welch fatales Echo auf Putins Welt.“
Charlotte Wiedemann: Das große Sprechen. TAZ, 2. März 2022, S. 12

„Es ist durchaus wahr und eine – jetzt hier nicht näher zu begründende – Grundtatsache aller Geschichte, daß das schließliche Resultat politischen Handelns oft, nein: geradezu regelmäßig, in völlig unadäquatem, oft in geradezu paradoxem Verhältnis zu seinem ursprünglichen Sinn steht.“
Max Weber: Politik als Beruf. 1919


Samstag, 26. Februar 2022

Solastalgiebeseitigung

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Die Kultur des Wegsehens hat im Westen Tradition, gerade auch in Deutschland.“
Jagoda Mariniƈ: Europas Kriege. TAZ vom 25. Februar 2022, S.5

„Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht.“
Annalena Baerbock am 24. Februar 2022

„Es ist eine Phase der Selbstbesinnung und Neuorientierung auf allen Ebenen eingetreten.“
Stephan Detjen am 25. Februar 2022 im Deutschlandfunk

„Aber dann wurden auch schon die Kerzen ins Fenster gestellt, die Ukraine-Flaggen gehisst, die Fassungslosigkeitsmonologe gehalten – und  was wir dann halt in unserer selbstgewählten Hilfslosigkeit so tun. Wir haben nichts auf der Tasche, weder politisch noch kulturell.
Peter Unfried: Müssen die Deutschen in die Welt zurück?. TAZ 26./27. Februar 2022, S. 02

„Wer jetzt davon redet […]‚ Putin werde einen hohen Preis zahlen‘, sollte vor Scham im Boden versinken. Denn diesen Preis werden […] zuallererst die Menschen in der Ukraine entrichten, wenn nicht sogar mit ihrem Leben.“
Barbara Oertel: Für die Ukrainer:innen steht alles auf dem Spiel. TAZ vom 25. Februar 2022, S. 1

„Der Überfall auf die Ukraine muss […] mit größtem Ernst als Auftakt einer […] Kampagne zur Zerschlagung der europäischen Stabilität betrachtet werden.“
Stefan Kornelius: Putins Werk, Süddeutsche Zeitung, 25. Februar 2022, S. 4

„Russlands Fortschritt wird nicht länger mit seinen europäischen Wurzeln in Verbindung gebracht.“
Igor Torbakow: Putins Russland oder: Die geistige Entkopplung von Europa. Blätter für deutsche und internationale Politik. Heft 3/2022, S. 66

„Es ist die Dominanz des Fortschrittsmodells, die dazu führt, dass Verluste […] tendenziell unsichtbar gemacht werden. […] Die moderne Gesellschaft […] führt zu einer Verlustpotenzierung. […] Wir können die Konflikt- und Wandlungsdynamik […] nur verstehen, wenn wir davon ausgehen, dass soziale Gruppen nicht nur von Fortschrittshoffnungen angetrieben sind, sondern auch von verlustbezogenen Motiven, von Verlustwut, Verlusttrauer, Verlustangst oder auch Versuchen einer Verlustprävention.“
Andreas Reckwitz: Auf dem Weg zu einer Soziologie des Verlusts. Soziopolis vom 6. Mai 2021

„Es ist ein Wort, das es eigentlich nicht geben sollte, das aber aufgrund widriger Umstände kreiert werden musste. Inzwischen ist es rund um den Globus verbreitet. Das ist schrecklich […] Schaffen wir es aus der Welt. Beseitigen wir die Umstände, die Kräfte, die Solastalgie auslösen.“
Glenn Albrecht, zitiert in Pete Muller: Solastalgie: Ein Wort, das es gar nicht geben sollte. National Geographic am 20. Mai 2020


Samstag, 19. Februar 2022

Versorgungssicherheitsmonopol

„Ich will den Teufel nicht an die Wand malen. Aber wenn sich das niedrige Strompreisniveau nachhaltig etabliert, wird die konventionelle Stromerzeugung wirtschaftlich kollabieren. […] Die Versorgungssicherheit in Deutschland wäre in höchster Gefahr.“
RWE-Chef Peter Terium in der WELT vom 20. April 2016

„Doch auch wenn dies absurd klinge, mache genau dieses ‚Schreckensszenario für Deutschland und Europa‘ ihm Hoffnung. Er rechne also fest mit der politischen Entscheidung zur Gründung eines „Kapazitätsmarktes“, auf dem sich ein eigener Preis für gesicherte, wetterunabhängige Stromproduktion bilden könne, sagte Terium. Dies werde dann wieder zu ‚Marktstabilität und Planungssicherheit für unser konventionelles Kraftwerksgeschäft‘ führen.“
WELT vom 20. April 2016

„Das Bundeskartellamt hat den Erwerb einer Minderheitsbeteiligung an der E.ON SE durch die RWE AG […] freigegeben. Die Ermittlungen haben ergeben, dass das […] Zusammenschlussvorhaben keine erhebliche Behinderung wirksamen Wettbewerbs, insbesondere keine Entstehung oder Verstärkung einer marktbeherrschenden Stellung erwarten lässt.“ 
Bundeskartellamt am 31. Mai 2019

„Aber würde ich jetzt sagen, ich will in zwei Jahren alle unsere fossilen Kraftwerke abschalten, dann kommt garantiert die Bundesnetzagentur und verbietet das mit Blick auf die Versorgungssicherheit […] Wir halten nicht krampfhaft an den Fossilen fest, sondern wandeln uns rasant. Dabei geht es aber auch um Versorgungssicherheit, die betroffenen Menschen und die Region.“
RWE-Chef Markus Krebber in der ZEIT vom 3. Februar 2022

„Das Thema Versorgungssicherheit steht ganz oben […] Bund und Land müssen wissen, dass die Frage der Versorgungssicherheit für den Strukturwandel zentral ist und bis Ende des Jahres verbindlich geklärt sein muss. [...] In Berlin muss möglichst schnell dafür gesorgt werden, dass man mit Gaskraftwerken auch Geld verdienen kann.“
Rainer Thiel (Kreistag Rhein-Kreis Neuss), NGZ-Online vom 3. Februar 2022

„Es braucht dringend Lösungen für eine grüne Versorgungssicherheit.“
Markus Krebber: 1952 als Vorbild nehmen – Wir müssen bauen, bauen. Börsen-Zeitung vom 16. Februar 2022

„Nach den Ergebnissen der Analysen ist RWE das einzige Erzeugungsunternehmen, das derzeit die vom Bundeskartellamt verwendete Vermutungsschwelle für eine marktbeherrschende Stellung klar überschreitet.“
Bundeskartellamt am 17. Februar 2022


Samstag, 12. Februar 2022

Pflichtvollzugswesen

„Darüber, wer bereits gegen Covid geimpft ist und wer nicht, gibt es bei uns keine zuverlässigen Daten. Die Lage ist ernst, aber weitgehend unbekannt.“
Harald Martenstein: Über einen Brief vom Gesundheitsamt und die Frage, ob Deutschland einer Impfpflicht gewachsen ist. ZEIT-Magazin vom 10. Februar 2022, S. 9

„Wenn Politik […] eine allgemeine Impfpflicht einführt, muss die Politik auch Antworten haben auf Fragen wie: Wer lädt wen ein? Wer kontrolliert? […] Die Gesundheitsämter sehen sich verständlicherweise nicht in der Lage sie zu kontrollieren. Der Personalmangel wird durch die Impfpflicht mit hoher Wahrscheinlichkeit noch verschärft.“
Andreas Gassen (Kassenärztliche Bundesvereinigung) am 4. Februar 2022 in der Rheinischen Post, S. B1

„Zwangsimpfungen wird es nicht geben - dazu stehen Ärztinnen und Ärzte nicht zur Verfügung.
Frank Ulrich Montgomery (Weltärztebund) – „tagesschau“ vom 5. Februar 2022

„Die gesetzlichen Krankenkassen sehen sich nicht für die Kontrolle einer möglichen allgemeinen Impfpflicht zuständig.“ 
„tagesschau“ am 10. Februar 2022 

„Der Vollzug ist einfach noch nicht geklärt. Wir haben viele Gespräche mit Landräten, Oberbürgermeistern, Einrichtungen und der Vereinigung der Pflegenden geführt, die uns alle gesagt haben: so kann das nicht funktionieren.“
Klaus Holetscheck (Bayerischer Gesundheitsminister, BR 24 – 10. Februar 2022

„In Anbetracht dieser Lage ist es egal, ob in Deutschland eine Impfpflicht gilt oder nicht.“
Harald Martenstein: Über einen Brief vom Gesundheitsamt und die Frage, ob Deutschland einer Impfpflicht gewachsen ist. ZEIT-Magazin vom 10. Februar 2022, S. 9


Samstag, 5. Februar 2022

Brückengasgans

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„Vom vergessenen Stiefkind hat die Gasbranche in den vergangenen zehn Jahren […] einen steilen Aufstieg hingelegt, indem sie sich einen kräftigen grünen Anstrich verpasst hat. Den Titel „Brückentechnologie“ hat sie von der Atomenergie für sich übernommen. Und auch für die Zeit danach betreibt sie heftig Lobbyarbeit: Mit angeblich ‚klimaneutralen Gasen‘ möchte sie dann zur dritten Säule der Energiewende werden.  […] Der PR-Lobbyverband „Zukunft Gas“ dürfte bei diesem strategischen „Greenwashing“ wohl eine der einflussreichsten Stimmen sein.“
Nina Katzemich: „Zukunft Gas“: wie ein PR-Lobbyverband der Gasindustrie die deutsche Klimapolitik verwässert. Lobbycontrol vom 21. Juli 2021

„…wir brauchen russisches Gas. Punkt. Insbesondere, wenn wir jetzt auch noch mehr auf Gas setzen, weil wir die Kohle abschalten wollen. Dann sollten wir nicht darüber nachdenken, wie wir das ohne russisches Gas machen.“ 
EON-Chef Leonhard Birnbaum – Handelsblatt  am  1. Februar 2022, online

„Die Gas-Connection nach Moskau ist die Achillesferse des Kontinents […] Lange Zeit standen die Pipelines für das, was Ost und West verbindet. Jetzt stehen sie für die Abhängigkeit des Westens.“
Kampf ums Gas. Handelsblatt vom  4.- 6. Februar 2022, S. 45

„Wenn sich die Krise noch verschärft und es einen kompletten Stopp gibt, dann sind wir wahrscheinlich für die nächsten zwei, drei Jahre in einer prekären Situation.“
Georg Zachmann (Bruegel-Denkfabrik) am 3. Februar 2022 im DLF Kultur

„Wenn Olaf Scholz am kommenden Montag in Washington auf Joe Biden trifft, wird er einmal mehr dafür werben, mit Putin ‚im Gespräch‘ zu bleiben. Gemeint ist: Im Geschäft zu bleiben.“
Steingarts Morning Briefing vom 2. Februar 2022

„Russland hat alles in der Hand, warten wir ab, wie sich die Lage entwickelt.“
Ursula von der Leyen im Handelsblatt vom 4. – 6. Februar 2022, S. 50

„Ist Russland dabei, die Gans zu töten, die das goldene Ei legt? Handelt es sich (absichtlich?) um aktive Sterbehilfe? Oder verlängert die Krise tatsächlich ihre Lebensdauer (durch neue Gasinfrastruktur und langfristige Verträge)?
Georg Zachmann (Bruegel-Denkfabrik) im Tweet vom 1. Februar 2022 


Samstag, 29. Januar 2022

Klerikalverdunstung

„Die Vergangenheit der römisch-katholischen Kirche ist schrecklich. Die gegenwärtige Verteidigungsstrategie der Kirchenmänner ist es auch.“
Christiane Florin: Der Schutz der Hierarchen galt den Tätern. DLF- Kommentar vom 20. Januar 2022

„Immer wieder haben die klerikalen Hierarchien den Missbrauch an jungen Menschen zugelassen. Lieber hat man den Kopf in den Tabernakel gesteckt und das Weihrauchfass geschwungen, um die Sicht auf himmelschreiendes Unrecht zu vernebeln. Unter dem Dach der Barmherzigkeit wurden Täter ohne (kirchen)rechtliche Konsequenzen geschützt – einzig um den Schein der Heiligkeit zu wahren.“
Markus Rohrhofer: Missbrauch in der Kirche: Kardinalfehler. "Der Standard" vom  21. Januar 2022

„Jetzt ist die Wucht eines solchen Ereignisses da. Aber das ist ja nicht das Ende des Christentums. Stellen sie sich mal Bayern vor ohne das Christentum [...] Wir können den Platz nicht räumen. Wir müssen uns erneuern. [...] Ich kann nicht versprechen, dass das schnell geht.“
Kardinal Reinhard Marx am 27. Januar 2022 in der Pressekonferenz zum Gutachten zu sexuellem Missbrauch in der Erzdiözese München und Freising

„Einzelne Personen in Machtpositionen hätten zwar Menschen viel Leid ersparen können. Aber sie bewegen sich in einem System, das deformiert. Der einfache ethische Grundsatz, dass die Schwächsten zu schützen sind, wird weggeweiht. Ist man Teil des Klerus, wird alles andere wichtiger: das Karrierchen, das Kleidchen mit und ohne Spitze […] Die römisch-katholische Kirche ist ein Verantwortungsverdunstungsbetrieb.“
Christiane Florin: Der Schutz der Hierarchen galt den Tätern. DLF- Kommentar vom 20. Januar 2022

„Klerikale Karrieristen braucht es nicht (mehr). [...] Männerburgen und -welten müssen aufgesprengt werden!  [...] Ja, die Kirche steht vor einer "Zeitenwende".
Andreas R. Batlog: Das Münchner Gutachten: Bilanz des Schreckens. "Der Standard" vom 25. Januar 2022


Samstag, 22. Januar 2022

Jupsilogik

„Ja, Sie wissen es alle: wir befinden uns am Vorabend einer Quantenrevolution. […] Für mich als kanadischer Botschafter ist es eine große Ehre, dass D-Wave seinen ersten Annealer, der außerhalb Kanadas steht, hier nach Jülich in das Supercomputercenter gebracht hat."
Stéphane Dion, Kanadas Botschafter in Deutschland am 17. Januar 2022  - Videobotschaft ins Forschungszentrum Jülich

„Jülich ist der perfekte Ort für den ersten Annealer in Europa […] Wir glauben, dass dieses System, das Jülich-Team und die Kunden in Europa die Anwendungen und Entwicklungen weiter tragen werden - über den europäischen Kontinent hinaus.“
Dr. Alan Baratz, CEO, D-Wave-Systems Inc. am 17. Januar 2022  - Videobotschaft ins Forschungszentrum Jülich

„Wir stehen noch am Anfang des Rennens […] Und jetzt sollten unsere Schritte ehrgeiziger werden, gerade im Bereich Quantentechnologie. Diese Themen sind strategisch relevant für die europäische Autonomie.“
Mariya Gabriel , EU-Kommissarin für Innovation, Forschung, Kultur, Bildung und Jugend am 17. Januar 2022 im Forschungszentrum Jülich

„Wir müssen uns jetzt sehr gut aufstellen, wenn wir ganz vorne mitmischen wollen, wenn wir Spitzenreiter werden wollen. Wir als Deutsche, aber auch wir als Europäer  zusammen  [...] Das ist ein Aufbruch in eine neue Zeit. Der Quantenannealer bedeutet vor allem eins: Gute Aussichten.“
Bettina Stark-Watzinger , Bundesministerin für Bildung und Forschung am 17. Januar 2022  - Videobotschaft ins Forschungszentrum Jülich

„Schon jetzt bietet im Bereich der Quantencomputer keine andere Region in Europa Expertise in solcher Breite und Tiefe. Wir sind stolz darauf, dass Nordrhein-Westfalen ein europäischer Hotspot für Quantencomputing geworden ist.“
Hendrik Wüst, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen am 17. Januar 2022 im Forschungszentrum Jülich

„Da hat uns ein Storch, der Storch von D-Wave aus Kanada, ein ganz süßes Baby gebracht. Warum heißt es eigentlich JUPSI?
Prof. Dr. Dr. Thomas Lippert , Leiter des Jülich Supercomputing Centre (JSC), Direktor am Institute for Advanced Simulation (IAS) am 17. Januar 2022  - Videofrage ins Forschungszentrum Jülich

JUPSI steht für ‚Juelich Pioneer for Spin Interference‘. Die Spins sind die Qubits in der JUPSI […] JUPSI ist eine Prinzessin, und ich glaube sogar eine Prinzessin auf der Erbse, weil sie so sensibel ist.
Prof. Dr. Kristel Michielsen, Leiterin der Jülicher Nutzer-Infrastruktur für Quantencomputing (JUNIQ) am 17. Januar 2022 im Forschungszentrum Jülich


Samstag, 15. Januar 2022

Wachstumsfortschrittsverzicht

„Die neue Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie, Hildegard Müller, verlangte von der Gesellschaft, die Innovationskraft der deutschen Industrie zu sichern und auf die Herausforderungen nicht mit Verboten und Verzicht, sondern mit einem „Fortschrittswachstum“ zu reagieren.“
Manfred Schulze: VDA-Präsidentin: „Fortschrittswachstum“ statt Verbot und Verzicht. Deutsche Verkehrszeitung vom 6. Februar 2020

„Fortschritt entsteht im Kopf.“
Motorrad-Online am 23. Juli 2018

Fortschritt entsteht durch Unberechenbarkeit.
Vince Weber beim FONDS professionell KONGRESS am 5. Februar 2019

„Fortschritt entsteht tatsächlich, weil wir uns Sorgen machen.“
Johan Norberg in WELT vom 6. November 2016

„Fortschritt entsteht heute dadurch, dass Landwirte und Unternehmen wie BASF Daten gemeinsam nutzen.“
BASF-Vorstand Saori Dubourg. DIE ZEIT vom 5. Januar 2022, S. 34

„Wo Fortschritt entsteht, muss er auch gelebt werden.“
Mehr Fortschritt wagen. Bündnis für Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Koalitionsvertrag 2021 – 2025. S. 22

„Ökonomisch-technischen Fortschritt zu beschleunigen, aber politisch-sozialen Fortschritt zu behindern, liegt im Interesse einer wirtschaftlichen Elite. [...] Nicht im ökonomischen Interesse dagegen liegt jede Art von Fortschritt, die jenseits des Systems von Preisen, Waren, Profiten und Schulden liegt.[...] Wir sehen einen Markt, auf dem man Wachstum ohne Fortschritt zu generieren versucht, und wir sehen eine Zukunftswissenschaft, die Wege sucht, Fortschritt ohne Wachstum zu ermöglichen. Und wir erkennen das Werden von Kulturen, die bewusst oder erzwungen auf das Prinzip des Wachstums-Fortschritts verzichten.“
Markus Metz und Georg Seeßlen; Methoden und Traditionen / Fortschritt als Versprechen. DLF am 4. Februar 2018 

Samstag, 8. Januar 2022

Krawattenfall

© vontoba - pixabay

„Die Krawatte ist nicht allein ein bewährtes Schutzmittel gegen Schnupfen, steifen Hals, Entzündungen, Zahnschmerzen und andere unerfreuliche Naturerscheinungen derselben Kategorie, sie bildet auch einen wesentlichen und unerlässlichen Bestandteil der Toilette und gestattet in der reichen Mannigfaltigkeit ihrer Formen sichere Schlüsse auf die Wesensart des Trägers. Die Krawatte des Mannes von Genie wird der Krawatte eines kleinen Geistes nie ähnlich sehen. [...] Die Krawatte ist der ganze Mann. Sie ist der Thermometer, an dem man den Grad des Geschmackes in Sachen der Kleidung und Bildung ablesen kann.“
Honoré de Balzac: Physiologie des Alltagslebens. München 1912

„Ich möchte im Unternehmen eine Start-up-Kultur etablieren. Ich möchte, dass wir ständig Neues wagen. Und das Hemd ohne Krawatte ist nun mal ein wichtiges Signal für diese andere Kultur. In der Hightech-Industrie trägt keiner Krawatte…“ Bosch-Chef Volkmar Denner in der FAZ vom 25. September 2015

„Ein durch und durch männliches Accessoire verschwindet allmählich aus unserem Fokus – die Krawatte hat als Symbol für Kompetenz und Führungsanspruch augenscheinlich ausgedient.  [...] Modeexperten behaupten, dass die Krawatte in einigen Jahren völlig verschwunden ist.  [...] Männer in leitenden Funktionen tragen immer öfter keine Krawatte, leider werden dadurch manchmal auch die Sitten lockerer.“
Maike Lassen: Die Krawatte - ist oben ohne wirklich in? https://personality-styling.net/1326/

„Der Beschwerdeführer kann ähnliche Maßnahmen künftig abwenden, indem er eine Krawatte anlegt. Dies stellt für ihn […] keine unzumutbare Belastung dar.“
Bundesverfassungsgericht. Beschluss vom 13. März 2012 - 1BvR 210/12

„Früher spottete Robert Habeck über Schlipse. Jetzt trägt er einen.“
Petra Pinzler: Krawatte und Krawall,  DIE ZEIT vom 16. Dezember 2021, S. 52

„Einen Termin im Kanzleramt würde ich niemals ohne Krawatte wahrnehmen.“ Schraubenfabrikant Reinhold Würth in "Christ und Welt" vom 5. Januar 2022, S. 4


Samstag, 1. Januar 2022

Jahresanfangsverdacht

© Public Domain Pictures - pixabay.jpg

„Werden die Menschen erst einmal misstrauisch, dass die Notenbank die Sache wirklich im Griff hat, dann kommt die Inflation mit Sicherheit.“
Rüdiger Bachmann, VWL-Professor an der Notre-Dame-Universität in Indiana, in der SZ vom 27. Dezember 2021, S. 1

„Die Chancen stehen jedoch gut, dass die Inflation in Europa 2022 deutlich zurückgehen wird…“
Marcel Fratzscher (DIW): Die Wirtschaft fährt Achterbahn. Handelsblatt vom 27. Dezember 2021, S. 48

„Die Auswirkungen von Omikron sind derzeit unüberschaubar […] Ich gehe aber davon aus, dass sich die ökonomischen Trends aus Normalisierung und Nachholen bei hohen Auftragsbeständen halten.“
IW-Chef Michael Hüther in WELT v. 27. Dezember 2021, S. 10

„Viele weitere Risiken, die mit der Pandemie gar nichts zu tun haben, sind in den Konjunkturprognosen noch gar nicht eingepreist…“
Claus Hulverscheidt: Fragile Hochstimmung. SZ vom 27. Dezember 2021, S.1

„Alle Prognosen werden wieder einmal nicht das Papier wert sein, auf dem sie geschrieben stehen.“
Marcel Fratzscher (DIW): Die Wirtschaft fährt Achterbahn. Handelsblatt vom 27. Dezember 2021, S. 48

"Es gibt […] kein neues Jahr, sondern nur uns und eine schnöde Wirklichkeit, die zwischen 23:59 Uhr und 0.01 Uhr keinen prinzipiellen Wandel erfährt."
Alard von Kittlitz: Die Null-Uhr-Illusionen. Die ZEIT vom 30. Dezember 2021, S. 67


Samstag, 25. Dezember 2021

Grenzlandgrünschnitt 2021

 


Samstag, 25. Dezember 2021

Weihnachtsheißzeit

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„Die Omikronwelle trifft auf eine Bevölkerung, die durch eine fast zweijährige Pandemie und deren Bekämpfung erschöpft ist und in der massive Spannungen täglich offenkundig sind.“
Erste Stellungnahme des Expertenrates der Bundesregierung zu COVID-19 vom 19. Dezember 2021

„In Sommerkleidern und Shorts schlendern alle an Verkaufsständen vorbei. Janine hat kleine rote Männchen vor sich mit weißem Bart, Knubbelnase und Spitzhut: ‚Wir verkaufen Weihnachtswichtel. […] Die sind dieses Jahr sehr gefragt.“
Karin Wehrheim: Wichtel und Glitzertannen bei 30 Grad – Weihnachtsmärkte in Südafrika. DLF am 17. Dezember 2021

„Weihnachten bei schweißtreibenden Temperaturen passt, finden Ingrid und Janine: ‚Weihnachten ist Weihnachten. Das feiern Menschen überall. Wir verbringen die Feiertage am Pool. […] So ist es. Wir kennen Weihnachten nur im Sommer, das ist ganz normal für uns. Ich denke, jeder mag Weihnachten und das festliche Gefühl.‘“
Karin Wehrheim: Wichtel und Glitzertannen bei 30 Grad – Weihnachtsmärkte in Südafrika. DLF am 17. Dezember 2021

„Die Fenster weit auf, dass man Durchzug hat und dann geht’s. […] Vielleicht sollten alle Weihnachten im Sommer feiern. Im Sommer ist Weihnachten angenehmer. Tatsächlich ist doch alles gut, wenn es Sommer ist.“
Karin Wehrheim: Wichtel und Glitzertannen bei 30 Grad – Weihnachtsmärkte in Südafrika. DLF am 17. Dezember 2021

„WM-Finale 2022 findet am 4. Advent statt“
Kicker-online am 19. März 2015

„Solidarischer Schulterschluss von Sommer- und Winterbrauchtum“
Düsseldorfer Schützen zum geplanten Rosenmontagszug am Sonntag, 29. Mai 2022

Samstag, 18. Dezember 2021

Fortschrittsenergie

© Erwin Lorenzen - pixelio.de
18. Dezember 2021

 „Die Verkehrsunfallstatistiken führen vermehrt Unfälle auf, die dadurch entstehen, dass Autofahrer heute etwa die Einstellung des Scheibenwischers auf eine andere Intervallgeschwindigkeit in Untermenüs auf Touchscreens suchen müssen und dabei dann leider nicht auf die Straße gucken und irgendwo dagegensemmeln. Einen klassischen Hebel am Lenkrad kann man einstellen ohne hinzusehen. Seine Bedienfunktion auf einen Bildschirm zu verlagern, ist zwar innovativ, aber idiotisch.  Fortschritt entscheidet sich demgegenüber an der Frage ob eine Erneuerung etwas zu einem normativ begründeten Zweck beisteuert. Wenn nicht, kann man ihn auch sein lassen.“
Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens. Frankfurt/M. 2021, S. 27

„Denn die wesentlichen Fortschritte im Zivilisationsprozess basierten auf der Verbesserung der Verhältnisse zwischen den Menschen, und die Technik kam dabei nur dann zur Hilfe, wenn man wusste, wie man sie zu dieser Verbesserung einsetzen konnte. Dass es in modernen Gesellschaften viel weniger Gewaltopfer als im Mittelalter gibt, liegt nicht an besserer Waffentechnik oder an Überwachungskameras,  sondern am Gewaltmonopol des Staates, und das ist das Ergebnis sozialer Intelligenz nicht wissenschaftlicher. Solche Intelligenz muss sich immer auf einen normativen Zweck hin begründen, was dann herauskommt ist nicht Innovation, sondern Fortschritt.“
Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens. Frankfurt/M. 2021, S. 27

„Fortschritt also ist nun die neue Energie, die die Ampel antreiben soll. Nicht mehr „Innovation“ wie noch unter Rot-Grün mit Gerhard Schröder und Joschka Fischer in den Neunzigern…“
Jan Sternberg, Vorwärts und nicht vergessen – was steckt hinter dem Begriff Fortschritts­koalition? -  RND am 24. November 2021


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