GRENZLANDGRÜN   
niederrheinisch - nachhaltig 

GRENZLANDGRÜN✂SCHNITT
Neue Wörter für altes Denken


Samstag, 6. Juni 2026

272: Gemeinatem entflachen

Bazon Brock, emeritierter Professor für Ästhetik, ist ein Vermittler, der unterhalten, begeistern und provozieren kann, indem er hergebrachte Regeln und Denkweisen in Frage stellt. Als Vertreter der Fluxus-Bewegung betreibt der „Denker im Dienst“ und „Künstler ohne Werk“ das „Institut für theoretische Kunst, Universalpoesie und Prognostik“ mit dem Schwerpunkt „Arbeit an unlösbaren Problemen“. Bazon Brock wurde am 2. Juni 2026 90 Jahre alt. Sein am 31. Mai 2026 im Deutschlandfunk gesendeter Essay „Deutsche Ikonografie: Das flammende Bild an der Wand -Korrektur historischer Fehlinterpretationen – Bürger statt Volk – Gewählte statt Auserwählte – Und Streit statt Krieg“ sowie der „Wal Timmy“ haben den Grenzlandgrünschnitt Nr. 272 ausgelöst.

»Die zweite katastrophale Falschübersetzung mit weltgeschichtlicher Wirkung machte Anfang des 19. Jahrhunderts Furore, als man das griechische „Demos“ mit „Volk“ übersetzte, also Demokratie als Volksherrschaft ausmalte, mit allen glitschigen Ableitungen von Volkszorn, Volkswille, Volksweisheit, Nation und Volk, Kulturvolk und Volkskunde. Mit „Demos“ sind aber nicht die beliebigen Bewohner eines Territoriums gemeint, sondern Bürger. Bürger ist, wer in einer Lebensgemeinschaft, meinetwegen sogar in einer Überlebenskampfgemeinschaft, nicht die Interessen seiner Karriere, seiner Familie, seiner Zunft, seiner Partei, seiner Abstammung und seiner Religionszugehörigkeit vertritt, sondern Repräsentant der Allgemeinheit, des „Common Good“ / „Common Wealth“ / „Common Sense“ sein will.«
Bazon Brock am 31. Mai 2026 im Deutschlandfunk (Essay und Diskurs)

»Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.«
Art. 14 Abs. 2 Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland

»Wer den Gemeinatem weniger flach gestaltet, also pottwalmäßig entflacht,  kann tief Luft holen und die streitpflichterfüllenden demokratischen Lebenskräfte gemeinwohlorientiert stärken.«
Heinikki Fattilverkare am 5. Juni 2026 auf Grenzlandgrün


Samstag, 30. Mai 2026

271: Netzechogräber wegflirren

Das World Climate Research Programme hat im April 2026 das im Rahmen des fünften Sachstandsberichts des Weltklimarates 2014/2015 vorgestellte  RCP8.5 -Szenario (business as usual) zurückgezogen. Dieses Hochemissionsszenario ist wegen des bereits erfolgten Klimaschutzes nicht mehr realistisch. Das wird derzeit zum Anlass genommen zu behaupten, die Wissenschaft habe beim Klimawandel unnötig Alarmismus betrieben und es wäre kein Klimaschutz nötig. In der 37. Ausgabe ihres Newsletters „Der Üüberblick“ setzt sich die Journalistin Ann-Kathrin Büüsker mit der „Klima-Desinformationsmaschine“ auseinander. Ein Abschnitt des Textes hat diesen Grenzlandgrünschnitt ausgelöst…

»Wenn Leute sich kollektiv, mit Unterstützung sozialer Medien Dinge einreden und es ihnen gelingt, entscheidende politische Akteure auf ihre Seite zu ziehen, dann stirbt der Wal eben nicht am Strand, sondern wird schwer verletzt ins Meer geworfen und ertrinkt. […] Wäre schade, wenn das auch der deutschen Klimapolitik widerfahren würde.«
Frau Büüsker in der ÜÜBERBLICK Nr. 37 vom 27. Mai 2026 


Samstag, 23. Mai 2026

270: Trotzkeime trieböffnen

Solange Menschen noch hoffen, dass „es schon irgendwie weitergeht“, halten sie nicht selten an überkommenen Gewohnheiten fest. Erst wenn alte Sicherheiten zerbrechen, entsteht manchmal die Bereitschaft, wirklich Neues zu wagen. Viele gesellschaftliche Umbrüche beginnen nicht im Optimismus, sondern in der Erfahrung, dass das bisherige System keine tragfähige Zukunft mehr verspricht. Trotzkeime  entstehen in  der Zwischenzone, in der Menschen erkennen, dass etwas nicht mehr funktioniert, aber zugleich ahnen, dass Alternativen möglich sind...

»Wenn wir Hoffnung verlieren, ist das oft der Punkt, an dem Veränderung beginnt, an dem wir ehrlich zu uns selbst sind, falsche Erwartungen und Illusionen loslassen und an dem wir ein tieferes Verständnis von uns und der Welt entwickeln können. Ist es nicht das, worauf es eigentlich ankommt? Hoffnung bindet uns an das System, welches unsere Lebensgrundlagen zerstört und welches wir doch eigentlich überwinden möchten. Doch, wollen wir das wirklich?
Die Antwort auf die Frage, was so schlimm daran ist, die Hoffnung zu verlieren offenbart unser wirkliches Menschen- und Weltbild und reißt uns die Maske des Gut-Gemeinten herunter. Glauben wir wirklich daran, dass Veränderung noch möglich ist? Sind wir bereit für einen wirklich tiefgreifenden Wandel oder wollen wir uns heimlich einfach nur etwas besser fühlen und haben es uns eigentlich ganz behaglich im status quo eingerichtet? Ist Hoffnung also nicht schon längst zu einem Teil der Verdrängung geworden und dient uns als „Hopium“ zur eigenen Beruhigung und Aufrechterhaltung der Normalitätssimulation?«
Norbert Prinz am 15. April 2026 auf Klimakollaps.org

»Trotzkeime entstehen in der pfingstlichen Zwischenzone von Hoffnungszerfall und Alternativahnungen. Antonio Gramsci formulierte den berühmten Gedanken vom „Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens“: Wer die Realität klar erkennt und die Trotzkeime trieböffnen lässt, kann Wunschdenken verlieren und Entschlossenheit zum Handeln gewinnen.«
Heinikki Fattilverkare  am 22. Mai 2026 auf Grenzlandgrün 


Samstag, 16. Mai 2026

269: Luftschmelzlinge ehrsehen

 „Grenzlandgrün“ wirft einen romantischen Blick auf den Stoffwechsel zwischen Mensch und Wasser– jenseits von Effizienz, Verschmutzung und Verwertung. Manchmal reicht es, einfach da zu sein und liebevoll einzutauchen….

»Das Wasser, dieses erstgeborne Kind luftiger Verschmelzungen, kann seinen wollüstigen Ursprung nicht verleugnen und zeigt sich, als Element der Liebe und der Mischung mit himmlischer Allgewalt auf Erden. […] Es ist nicht bloß Widerschein, daß der Himmel im Wasser liegt, es ist eine zarte Befreundung, ein Zeichen der Nachbarschaft, und wenn der unerfüllte Trieb in die unermeßliche Höhe will, so versinkt die glückliche Liebe gern in die endlose Tiefe.«
Novalis: Die Lehrlinge zu Sais. 1802


Samstag, 9. Mai 2026

268: Suggestivlandschaft entwirseln

Öffentlichkeit ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Pluralität ist kein Zerfall, sondern Erkenntnisgewinn.   Insofern erzeugt der Satz „Früher hatten wir eine gemeinsame Wirklichkeit, heute lebt jeder in seiner eigenen Wirklichkeit“ eine nicht unproblematische Suggestivlandschaft, die den Ruf nach starker Führung und das Misstrauen in pluralistische Diskurse stärken kann.  Der Grenzlandgrünschnitt möchte ganz unnostalgisch alle Suggestivlandschaften entwirseln, um das Nebelleben zu entmachten.

»Früher hatten wir eine gemeinsame Wirklichkeit, über die wir gestritten haben. Heute lebt jeder in seiner eigenen Wirklichkeit. Die Wahrheit, auf die sich noch ein Großteil der Bevölkerung einigen konnte, stirbt nicht. Sie wird irrelevant. […] Was wir kollektiv gerade um uns herum erleben, ist kein technischer Fortschritt, sondern ein Machtwechsel. Wer die besseren Geschichten erzählt – oder die besseren Maschinen besitzt, die sie erzählen – bestimmt, was wir für Realität halten. […] Die Maschinen lernen von uns. Und das sollte uns eigentlich viel mehr Angst machen als alles, was sie je erfinden könnten.«
Richard Gutjahr: Die Wirklichkeit droht zu kippen. Rheinische Post vom 4. Mai 2026

»Der endgültige Sinn ergibt sich erst, wenn sich zeigt, welche Art von Politik stark genug ist, sich der neuen Technik zu bemächtigen, und welches die eigentlichen Freund- und Feindgruppierungen sind, die auf dem neuen Boden erwachsen. […] Wir durchschauen heute den Nebel der Namen und der Worte, mit denen die psycho-technische Maschinerie der Massensuggestion arbeitet. Wir kennen sogar das geheime Gesetz dieses Vokabulariums und wissen, daß heute der schrecklichste Krieg nur im Namen des Friedens, die furchtbarste Unterdrückung nur im Namen der Freiheit und die schrecklichste Unmenschlichkeit nur im Namen der Menschheit vollzogen wird.«
Carl Schmitt: Der Begriff des Politischen. 1932 

»Jede entwirselte Suggestivlandschaft entmachtet das Nebelleben.«
Annika Tanoeiro am 8. Mai 2026 auf Grenzlandgrün


Samstag, 2. Mai 2026

267: Zartmorgengaben stillkosten

Das Dämmerlicht des frühen Morgens eignet sich nicht nur für Logistik, Polizeirazzien oder militärische Angriffe. Es steht auch für einen Zustand zwischen Schlaf und Wachsein, für Stille, Bilder, Assoziationen und Unfertiges. Verknüpfungen sind freier, Gedanken weicher, weil die Welt noch leise ist. Der Grenzlandgrünschnitt Nr. 267 empfiehlt daher, die Zartmorgengaben stillzukosten…

»Ein Zartmorgen beginnt früh, mit kalter Luft, die das Gesicht einfängt, das noch Reste der Nacht aufträgt. […] Tagesschichten werden sich darüberlegen, schnell. Doch noch ist der Morgen zart. Gedanken kommen auf, mutige Ideensplitter bahnen sich den Weg, denn wir schenken ihnen Erlaubnis. […] Atmen ist jetzt Teilen; Ruhe kann verzaubern, wenn sie sich entblättern darf aus den Knospen, die ein guter Schlaf geformt hat. Er ist ein tragender Pfeiler für diese zarten Momente an einem guten Morgen. Wenn der erste Ruf erfolgt, eine Aufgabe zu erfüllen, dann geht dieser Morgen. Aber wenn er zumindest einige Minuten hatte für sich, dieser Fetzen edler Zeit, dann kann der Tag sich anders anfühlen. Bleibt eine Öffnung für die Stille, selbst dann, wenn es laut und dicht wird.«
Torsten Schäfer, Kleinflussliebe, 9. März 2026


Samstag, 25. April 2026

266: Sanftkraftwege gehen

Die Europäische Gemeinschaft war ein großartiges Friedensprojekt. Als sich das Nobelpreis-Komitee 2012 entschieden hatte, Europa den Friedensnobelpreis zu verleihen, waren dessen Gründer nicht mehr am Leben. Daher hat die Institution EU den Preis erhalten. Sie hat nach dem Ende des Kalten Krieges in den 1990er Jahren sog. Softpower mit wirtschaftlichen Anreizen ausgeübt.  Gegenspieler waren nicht in Sicht. Das ist heute nicht mehr der Fall, und (nicht nur) Deutschland rüstet massiv auf. Wäre es dennoch möglich, dass die Europäer*innen ihre militärischen Gewissheiten entwaffnen, um die humanistisch gepägten „Sanftkraftwege“ gemeinsam wieder aufzunehmen?

»Unsere Ambition ist und muss sein, das ist auch die Ansage des Bundeskanzlers und auch meine eigene, stärkste konventionelle Armee in Europa zu sein […] Klar ist, und das ist heute schon absehbar: Automation und Künstliche Intelligenz werden fortlaufend eine Rückwirkung auf unsere Planungen haben müssen.«
Verteidigungsminister Boris Pistorius am 22. April 2026

»Auf die Einhaltung anerkannter ethischer und rechtlicher Grundsätze ist kein Verlass. […] Daten werden zur Waffe. Künstliche Intelligenz ergänzt und erweitert kognitive Fähigkeiten. […] Zeitlich und räumlich begrenzte Informationsüberlegenheit wird erkämpft und schafft Führungs- und Wirkungsüberlegenheit, um die Initiative zu erlangen und zu behalten. […] Die allgegenwärtige weitere Technisierung des Krieges erhöht die Operationsgeschwindigkeit, reduziert den menschlichen Einfluss und verstärkt die Verwundbarkeit in der sogenannten Cognitive Dimension.«
Bundesministerium der Verteidigung: Gesamtkonzeption militärische Verteidigung. Militärstrategie und Plan für die Streitkräfte. Verantwortung für Europa. April 2026

»Dies ist eine bislang beispiellose Spirale der Zerstörung jenes Humanismus in Recht und Philosophie, auf dem eine jede Zivilisation beruht und durch den sie geschützt wird. Die gewaltigen Konzentrationen privater Wirtschafts- und Finanzinteressen, die die Staaten in diese Richtung treiben, müssen angeprangert werden; doch reicht dies nicht aus, wenn nicht zugleich ein Erwachen des Gewissens und des kritischen Denkens gefördert wird.«
Papst Leo XIV.: Botschaft zum 59. Weltfriedenstag. 8. Dezember 2025

»Sanftkraftwege brauchen keine Panzer. Sie schaffen Übergänge, entwaffnen die eigenen Gewissheiten und führen am Ende nicht zum Sieg, sondern zum gemeinsamen Weitergehen.«
Heinikki Fattilverkare am 25. April 2026 auf Grenzlandgrün


Samstag, 18. April 2026

265: Sisyphosien umarellieren

Die italienische Stadt Riccione hat ihnen 2015 ein Budget von 11.000 Euro zur Verfügung gestellt, der Stadtrat von Bologna hat ihnen einen Preis für ihre soziale Rolle verliehen und 2017 einen Platz nach ihnen benannt. Ein Lied über sie gibt es auch schon.  Die jetzt in Rente gehenden Babyboomer könnten sie sich zum Vorbild nehmen und ehrenamtlich dazu beitragen, dass die ganzen Sisyphosien des deutschen Alltags umarelliert werden.

»Ein Umarell verändert nichts -  bis er stehen bleibt, die Hände auf dem Rücken verschränkt und die Ineffizienz anderer absorbiert. Dann existiert er in zwei Zuständen. Er ist völlig unbeteiligt und doch der einzige Grund, warum der Baggerfahrer heute keinen Hydranten rammt.«
Stefanie Fassmacher auf Grenzlandgrün

»Umarell […] ist eine vom bolognesischen Autor und Blogger Danilo Masotti in Umlauf gebrachte sprachliche Neuschöpfung. Der in Bologna häufig verwendete Begriff bezeichnet Männer im Rentenalter, die dem Treiben auf Baustellen, insbesondere Straßenbaustellen, zuschauen. […] Die Figur des Umarell wird mit hinter dem Rücken verschränkten Armen dargestellt; diese Körperhaltung kennzeichnet ihre Passivität. Manchmal geben Umarells den Arbeitern ungefragt Ratschläge.[…] Vertreter des Typs stammen aus allen Gesellschaftsschichten.«
Umarell, Wikipedia vom 22. März 2026  - Bild von Wittylama – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0 – Wikipedia Commons

»Würden alle die Energie der hinter dem Rücken verschränkten Arme nutzen, könnten wir unsinnige Aufheizungen und überflüssige Sisyphosien stoppen, denn nichts kühlt erhitzte Gemüter so sehr wie ein trockenes ‚Das hätt‘ ich aber anders verlegt‘.«
Heinikki Fattilverkare auf Grenzlandgrün


Samstag, 11. April 2026

264: Innensternkammern eräugen

Mit "Artemis 2" ist heute die erste bemenschte  Mondmission seit mehr als 50 Jahren zu Ende gegangen. Auf der Rückseite des Mondes erlebte die vierköpfige Crew erstmals eine Ansicht auf eine Sonnenfinsternis, bei der die Sonne vom Raumschiff aus hinter dem Mond verschwand. Am selben Tag drohte der US-amerikanische Präsident Donald Trump im Iran  einer ganzen Zivilisation mit Auslöschung.  Für das Jahr 2028 ist eine erneute  Mondlandung geplant. Das langfristige Ziel ist es,  eine dauerhafte Mondstation aufzubauen.. Von dort ⁠sollen auch Flüge zum Mars starten. Es geht geopolitisch unter anderem  darum, wer die Regeln für den Ressourcenabbau im Weltall setzt. Denn die Weltraumfahrt beansprucht es, große Schritte für eine Menschheit zu machen, die sich gleichzeitig mit Mitteln des Krieges und der Ökologie selbst zerstört. Der Grenzlandgrünschnitt Nr. 264 empfiehlt, erst einmal die Innensternkammern zu eräugen…

» …Das erste Mal seit 54 Jahren sind Menschen wieder in der Nähe des Mondes. Die Mondmission Artemis II ist ein Großereignis der Wissenschaft. Und wie so oft bei den großen Projekten der Wissenschaft gibt es eine Verbindung zur Politik: Die Mission reiht sich ein in ein neues geopolitisches Wettrüsten um die Vorherrschaft im All.«
Nico Graack: Warum verfolgen so wenig Menschen die Mondmission? Artemis II und die Angst. Philosophie-Magazin am 10. April 2026

»Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht. – Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.« 
Novalis: Aphorismen – Blütenstaub

»Der Overview-Effekt entsteht, wenn man durch die Kuppel blickt und die Erde mit dem gesamten Universum im Hintergrund sieht. Man erkennt die dünne blaue Linie der Atmosphäre, und auf der dunklen Seite der Erde sieht man diese hauchdünne grüne Linie, die die Grenze zur Atmosphäre markiert. Man erkennt, dass jeder Mensch, den man kennt, innerhalb dieser grünen Linie lebt und alles außerhalb davon völlig lebensfeindlich ist. Man sieht keine Grenzen, keine religiösen, keine politischen. Man sieht nur die Erde und erkennt, dass wir uns viel ähnlicher sind, als wir denken.«
Christina Koch. NASA am 23. November 2025


Samstag, 4. April 2026

263: Osterlücken umherzeln

Die biblische Passionsgeschichte mit ihren Darstellungen von Angst, Verrat und Gewalt  beschreibt den holprigen Weg zum menschlichen Glauben an die himmlische Herrlichkeit.  Das Osterwochenende zwischen Karfreitag und Ostermontag könnte auch daran erinnern, dass Menschen trotz mancher Durststrecken aus Enttäuschung, Erschöpfung, Scheitern und Sprachlosigkeit der Kraft der Liebe vertrauen können. Sind sie dann bereit, ihre Grenzen zu überschreiten und ins Ungewisse zu gehen? Revolutionär Neues  kann offenbar nur im zwischenmenschlichen Raum des Glaubens  entstehen. Wie hilfreich ist es dabei,  die Osterlücken zu umherzeln wie es der Grenzlandgrünschnitt Nr. 263 beschreibt?

»Ostern ist nicht das Fest
der „Augen zu und durch“ - Macher
der „wird schon wieder“ - Sager
der „alles halb so schlimm“ - Beschwichtiger
der alles auf die eigene Kraft Setzenden
der „es hat ja doch keinen Zweck“ - Resignierten
der „es ist alles zu Ende“ - Bilanzierer
Ostern ist das Fest
der auch im Dunkeln dem Leben Trauenden
der die Durststrecken Aushaltenden
der die Grenzüberschreitung Wagenden
der den Schritt ins Ungewisse setzenden Mutigen
der immer wieder aufs Neue an den Sieg der Liebe Glaubenden
der scheinbar Naiven und doch heller Sehenden«

© Andrea Wilke, In: Pfarrbriefservice.de – 29. Dezember 2021

»Die ‚fusionierende Gruppe‘ ist das Element aller Revolutionen. […] Der ‚neue revolutionäre Mensch‘ (ein zunächst instabiles Element) besteht nicht aus Personen, aus den Altmenschen selbst, sondern entsteht zwischen ihnen, aus den Lücken, welche die Menschen im Alltag voneinander trennten.«
Alexander Kluge (14.2.1932 – 25.3.2026): Das Bohren harter Bretter. 133 politische Geschichten. 2011 - Was ist eine ‚fusionierende Gruppe‘? / Rosa Luxemburg und die Revolution von 1905


Samstag, 28. März 2026

262: Götterschaufeln dehybrieren

Der Bau der Rheinwassertransportleitung begann am 17. März 2026 und soll sich bis zum Jahr 2030 erstrecken. Wie, wohin und in welcher Qualität die RWE power AG das nicht ganz reine Rheinwasser von der Dormagener Entnahmestelle in die niederrheinische Landschaft umleitet, ist noch in einem wasserrechtlichen Genehmigungsverfahren zu klären. Die RWE power AG verspricht aber schon heute, für einen ausgeglichenen, sich selbst tragenden Wasserhaushalt im Rheinischen Revier zu sorgen und die Feuchtgebiete im Raum Schwalm-Nette zu sichern. Hybris und menschliche Überheblichkeit spielen dabei eine Rolle. Deshalb empfiehlt der Grenzlandgrünschnitt Nr. 262,  die Götterschaufeln zu dehybrieren…

»Die Rheinwassertransportleitung ist ein Projekt für unsere Region. Sie steht für Verlässlichkeit und Zukunft: Wir schaffen neue Seen, sorgen für einen ausgeglichenen, sich selbst tragenden Wasserhaushalt im Rheinischen Revier und sichern den Erhalt der Feuchtgebiete im Norden von Garzweiler. Rund um die neuen Seen entstehen Lebensräume für Natur und Artenvielfalt, sowie neue Chancen für Erholung, Tourismus und Arbeitsplätze. Auf diese Weise schließen wir die Rekultivierung unserer Tagebaue hochwertig, verantwortungsvoll und im Dialog mit unseren Partnern ab.«
Dr. Lars Kulik, Vorstandsmitglied Braunkohle der RWE Power AG am 17. März 2026

»Kann mir bitte jemand das Wasser reichen?«
Titel des 2015 erschienen Buches von Ari Turunen zur Geschichte der Arroganz

»Ich schuf globale Lebensräume – in sechs Tagen, ohne Bagger, ohne Ausschreibungen und ohne PR-Abteilung. Ihr habt Teile davon systematisch zerstört und verkauft jetzt Eure Löcher als Vorbereitung auf die Zukunft. Ein sich selbst tragender Wasserhaushalt? -  Noch habe ich das Patent darauf, aber bitte, versucht euer Glück und zeigt dem Planeten, wie man mit Hybris im Dialog mit Euren Zeitgeistpanzerpartnern und Schaufelradbaggern die Evolution beschleunigen kann. «
Eine innrere Stimme aus dem All

»Lars Kulik beendet zum 31. Mai seine Tätigkeit als Vorstandsmitglied der RWE Power AG und wechselt in den Ruhestand.«
RWE-Pressemitteilung vom 25. Februar 2026


Samstag, 21. März 2026

261: Ökowuppel strahlstarten

Der nun bereits drei Wochen andauernde Iran-Krieg führt nach mehreren Angriffen auf Gasfelder und Förderablagen zu stark ansteigenden Energiepreisen.  Industrievertreter und Energieunternehmen plädierten daher jüngst dafür, Reservekraftwerke zu reaktivieren und die Stilllegung von Kohlekraftwerken aufzuschieben. Der Grenzlandgrünschnitt Nr. 261  empfiehlt stattdessen, die Ökowuppel strahlzustarten…

»Spaniens Regierungschef Pedro Sanchez brauchte beim EU-Gipfel in Brüssel nur zwei Zahlen, um seinen Kollegen den Spiegel vorzuhalten. Mehr als 100 Euro kostete am Wochenende eine Megawattstunde Strom in Deutschland, Italien und Frankreich. In Spanien: 14 Euro, weil das Land schon früh massiv auf erneuerbare Energien gesetzt hat. Die beiden Zahlen erzählen mehr über Europas Probleme und Zukunft als jedes Strategiepapier. Was viele nach dem russischen Überfall auf die Ukraine schon hätten begreifen müssen, muss nun, unter dem nächsten Schock, erneut buchstabiert werden: Wer seinen Energiebedarf zu 400 Milliarden Euro im Jahr aus dem Ausland deckt – aus Autokratien und Krisenregionen –, der finanziert seine eigene Abhängigkeit. […] Es wäre ein fataler Fehler, jene Unternehmen zu belohnen, die die Energiewende verschlafen haben – und jene zu bestrafen, die ihre Hausaufgaben gemacht und ihre Produktion elektrifiziert haben. Verkehrter geht es kaum. […] Der Energiepreisschock ist eine vernichtende Abrechnung mit der europäischen Energiepolitik. Europa muss aus dieser Krise lernen. Die Abhängigkeit von den alten Energiequellen muss ein Ende haben. Die Zukunft beginnt jetzt.«
Sven Christian Schulz: Europas fossile Achillesferse. Sächsische Zeitung vom 20. März 2026

»Europa schwamm im Kreis, während die Fossiliers am Ufer schnatterten. Jetzt ist es höchste Zeit, die europäischen Ökowuppel strahlzustarten.«
Grenzlandgrünschwan am 20. März 2026


Samstag, 14. März 2026

260: Zweckverirrungen abbindeln

Die aktuellen Benzinpreise wirken wie ein Seismograph der Mobilitätsstruktur. Wieder einmal wird deutlich, dass Autonutzung nicht nur eine individuelle Entscheidung, sondern eine strukturelle Notwendigkeit ist, denn der öffentliche Verkehr ist vielerorts kein adäquater Ersatz für das Auto…Angesichts der Abhängigkeit vom Auto empfiehlt der Grenzlandgrünschnitt Nr. 260, Zweckverirrungen abzubindeln und nicht die Autos, sondern die Menschen in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns zu stellen…

»Hört den Menschen zu, die täglich erleben, was Autoabhängigkeit bedeutet. Den Eltern auf dem Land, die ihre Kinder überallhin fahren müssen. Den älteren Menschen, die nicht mehr Auto fahren können und deshalb isoliert sind. Den Menschen in Armut, die sich kein Auto leisten können und deshalb vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen sind. Hört den 30 Millionen Menschen zu, die in dieser Debatte vergessen werden! Und dann fordert mehr. Fordert eine Politik, die die Zukunft gestaltet, statt sie zu verschleppen. Eine Politik, die die Menschen in den Mittelpunkt stellt, nicht die Autos.«
Katja Diehl: Die EU lässt einen fahren. Freitag Nr. 52 vom 23. Dezember 2025

»Wenn ich nachts durch die Gassen streife, sehe ich Eure schlafenden Blechtiere, die den Raum gestohlen haben, den meine und Eure Kinder zum schnüffelnden Kennenlernen der Welt bräuchten. Ihr habt Euch so sehr mit der Erzeugung und Unterbringung dieser Blechtiere beschäftigt, dass Ihr vergessen habt, wo Ihr mit ihnen eigentlich hin wolltet.«
Stadtfuchs auf Grenzlandgrün

…dann steigt sie aus, atmet durch – und wundert sich, warum das so revolutionär wirkt


Samstag, 7. März 2026

259: Hoffnungsverkohlung entdröhnen

Starke Preisausschläge nach einem ‚Weltereignis‘ wie der Eröffnung des Iran-Kriegs am 28. Februar 2026 seien ‚normale Marktreaktionen‘, verkündet Birgit Marschall am 6. März 2026 in der Rheinischen Post.  Welche genauen strategischen Ziele hinter diesem Krieg stehen, ist bis heute unklar. Die Rede ist davon, ein iranisches Atomwaffenprogramm zu verhindern, die existentielle Bedrohung Israels zu beseitigen oder die Machtverhältnisse im Nahen Osten neu zu ordnen. In Zeiten sinkender Wachstumsraten, zurückgehenden Sozialkapitals und zunehmender Staatsverschuldung geht es den finanzdominierten Märkten beim derzeitigen Entstehen einer neuen Weltordnung wohl eher um Energie, Rohstoffe, Transportwege oder Rüstungsrenditen. Der Grenzlandgrünschnitt Nr. 259 geht davon aus, dass auch dieses ‚Weltereignis‘ menschliches Leid erzeugen, aber  die politischen Konflikte nicht nachhaltig lösen wird…

»Zwei Dinge können zugleich wahr sein: 1. Das Regime in Teheran unterdrückt und ermordet die eigene Bevölkerung. 2. Der Angriff der USA und Israels auf den Iran bricht Völkerrecht, bringt Tod und Leid, kann einen Bürgerkrieg auslösen und die Region in Brand setzen.«
Niema Movassat am 28. Februar 2026 auf X

»Das Völkerrecht hat ein Problem. Es schützt die Unterdrücker und die Tyrannen, die ihre Völker massakrieren. […] Die Geschichte des Völkerrechts ist eine Geschichte der Völkerrechtsbrüche, weil die wirklich Mächtigen sich nicht gebunden fühlen.«
Joschka Fischer im Handelsblatt vom 6. – 8. März 2026

»Seit einigen Jahren sprechen wir von der „Gleichzeitigkeit der Erlebnisse“. Von der Zumutung, mehrere widersprüchliche Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten. […] Dilemma ist dafür ein zu kleines Wort.«
Shila Behjat: Zwischen den Fronten. Der Freitag vom 5. März 2026

»Hast Du ein Problem und willst es nicht haben, hast du gleich zwei. Im Rahmen der drohnengestützten Befreiungszerfleischung kann das Feuer der Freiheit so heiß brennen, dass von den Unterdrückten beim Warten auf ihre Befreiung nur noch Asche übrig bleibt. Doppeldeutigkeiten und Dilemmata auszuhalten, kann zur Hoffnungsverkohlung führen. Können wir diese Hoffnungsverkohlung noch entdröhnen, wenn wir für ein organisches Nebeneinanderleben der Staaten arbeiten und versuchen, internationale Streitigkeiten mit friedlichen Mitteln auszugleichen?«
Heinikki Fattilverkare am 6. März 2026 auf Grenzlandgrün 
Bild:  Mostafa Meraji auf pixabay


Samstag, 28. Februar 2026

258: Wettbewerbsstille aufkernen 

Zerstörung schafft Beschäftigung -  auch für Therapeuten, Klinikbetreiber und Pharmaunternehmen. Der Grenzlandgrünschnitt Nr. 258 entspringt den nie enden wollenden Weltverbesserungswünschen, Pessimismen und Hoffnungen mancher Kriegskinder und -enkel, in denen der 24. Februar 2022 transgenerationale Erinnerungen und Ängste reaktiviert hat... 

»Ohne Russlands brutalen Angriffskrieg in Europa, ohne die akute geopolitische Gefahr in Europa gäbe es heute keine Milliarden-Programme für Aufrüstung. […] Eine Branche, die noch vor ein paar Jahren non grata war, drängt […] ins Zentrum öffentlicher Debatten, mitten hinein in die Zivilgesellschaft […] – die Menschen wollen wissen, wofür genau das viele Geld ausgegeben wird. […] Panzer und Raketen sind eben keine Wohlfühlprodukte.«
Thomas Fromm: Nicht zu sehr aufdrehen. Süddeutsche Zeitung vom 23. Februar 2026

»Die russischen Drohnen, Granaten und Raketen haben das Politikverständnis der Europäer erschüttert. Ebenso das Vertrauen, dass es im 21. Jahrhundert andere Formen der Konfliktbewältigung geben müsse als die nackte militärische Gewalt mit all ihren inhumanen, würdelosen und barbarischen Konsequenzen.«
Jens Münchrath: Ein strategisches Desaster. Handelsblatt vom 23. Februar 2026

»Eine wettbewerbsfähige Industrie produziert die Waffen, die sie braucht, um sich selbst schützen. Ich fliege über die Schlachtfelder und sehe: Es sind immer die Fabrikschlote der anderen, die Ihr in Schutt und Asche legt, um die eigenen zu schützen. Fliegt hoch genug, und Ihr seht keine Standortwettbewerbe mehr. Fliegt tief genug, und Ihr seht, dass der einzige Unterschied zwischen Sieger und Besiegtem ist, wer das Recht hat, die Toten und Versehrten zu zählen.«
Friedenstaube am 24. Februar 2026 

»Wenn wir Wettbewerbsstille aufkernen, können wir dann die Werte schöpfen, die man gewinnen kann, ohne dass ein anderer verliert?«
Heinikki Fattilverkare am 28. Februar 2026 auf 'Grenzlandgrün'


Samstag, 21. Februar 2026

257: Luftwurzelbetriebe durchsaften

»Der Schwund der biologischen Vielfalt ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass er nicht mehr nur als Umweltproblem gilt, sondern auch als systemisches Risiko für Wirtschaft, Finanzmärkte und gesellschaftliche Stabilität. […] Ein besserer Umgang mit der Natur ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit. […] Was profitabel für Unternehmen ist, führt oft zum Verlust an Biodiversität. Und was gut für die Biodiversität und Gesellschaft ist, ist oft nicht profitabel. […] Unternehmen können den transformativen Wandel anführen – oder sie riskieren letztlich ihr eigenes Aussterben.«
Aus den Schlussfolgerungen der „Intergovernmental Science Policy Platform on Biodiversity and Ecosystems Sevices“ (IPBES) am 8. Februar 2026 in Manchester

»Die Zeit arbeitet nicht für uns, doch diese Bewertung zeigt einen klaren Weg auf, wie wirtschaftliche Entscheidungen mit der ökologischen Realität in Einklang gebracht werden können. […] Ein besserer Umgang mit der Natur ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit.«
UNEP-Direktorin Inger Andersen in Joachim Wille: Der biologische Ast, auf dem die Wirtschaft sitzt. Klimareporter vom 10. Februar 2026

»Wir müssen uns von der falschen Vorstellung lösen, dass Regierungen und Entscheidungsträger entweder für die Umwelt oder für die Wirtschaft sein müssen.«
Stephen Polasky (IPBES) – zitiert im DLF am 10. Februar 2026

»Aus meiner Sicht sind Wirtschaftsförderung und Naturschutz überhaupt kein Widerspruch.«
Nettetaler Bürgermeister Christian Küsters im Grenzland-Kurier vom 20. Februar 2026

»Der beste Ausweg aus der Gegenwart ist die Zukunft.«
Philipp Holstein: U2 wollen die Welt mit Punk verbessern. Rheinische Post vom 20. Februar 2026


Samstag, 14. Februar 2026

256: Trutzhaut entpanzern

»Militarisierung, geschlossene Grenzen, eine starke Antimigrationspolitik und Menschenrechtsbeschränkungen sind nicht Zeichen von Macht, sondern von Angst. Die echten Waffen, die das Schiff Europa an Bord hat, sind Intelligenz, Diplomatie und sogar eine Art politische List, die es Europa ermöglichen werden, offen zu bleiben, Freiheit und Frieden zu erhalten und die zerstörerischen Tendenzen unserer Zeit zu überwinden.«
Oxana Timofeeva: Intelligenz schlägt Angst. DIE ZEIT vom 29.Januar 2026

»Vielleicht hilft eine Ethik der Bescheidenheit: Nicht vom Guten schwärmen, sondern das Schlimmere verhindern. Keine Utopie, sondern Schadensbegrenzung.«
Franz-Josef Dorn im Leserbrief. DIE ZEIT vom 5. Februar 2026

»Europa erscheint träge und schwach. Das stimmt. Es fürchtet jedoch nicht seine Feinde, sondern sich selbst und sein eigenes emanzipatorisches Potenzial.«
Slavoj Žižek: Radikalisiert euch. DIE ZEIT vom 29. Januar 2026

»Doch nun ist klar, dass die Zukunft gar nicht fern ist, sondern schon da. Und, ganz ehrlich, das ist doch auch rasend interessant, oder?«
Bernd Ulrich: Wie halten wir das alles aus? Die ZEIT vom 22. Januar 2026

»Ein geschlossener Panzer überlebt – ein geöffneter lebt, denn der Weg zur Stärke führt über die Kunst, verletzlich zu bleiben.«
Europäische Schildkröte zur Entpanzerung ihrer Trutzhaut 
Bildquelle: Susanne Edele auf pixabay


Samstag, 7. Februar 2026

255: Dressurdünkel entwuchteln

»Die Einbeziehung von Selbstständigen und Beamten in die Rente löst weder die Probleme in der Rentenversicherung noch ist das vom Koalitionsvertrag gedeckt.«
CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann in der Bild am Sonntag vom 11. Mai 2025

»In der Rentenfrage etwa kann man den Eindruck gewinnen, der alte Gaul werde schlichtweg totgeritten. Wie es danach weitergeht für die Jungen – das ist dann wohl deren Problem.«
Marlen Hobrack: Meine letzte Kolumne. ‚Der Freitag‘ vom 23. Dezember 2025

»Offenbar gibt es höhere Gewalten, die es hierzulande ganz und gar undenkbar machen, die umlagefinanzierte Alterssicherung durch den naheliegenden Einbezug von Beamtentum und Selbstständigen auf tragbarem Niveau zu stabilisieren.«
Florian Schmid: Wir waren die Rebellen. ‚Der Freitag‘ vom 23. Dezember 2025

Warum sollten die, die vom Staat bezahlt werden oder die, die vom Markt profitieren, im Alter bessergestellt sein als diejenigen, die beides am Laufen halten?
In Erinnerung an Joachim Bender (1952 - 2025)

»Man hat mich gezwungen, den Wagen für alle zu ziehen, aber man hat vergessen zu erwähnen, dass die schnellsten Pferde gar nicht erst eingespannt werden. Die nennen es Marktfreiheit und Amtstreue. Ich nenne es Dressurdünkel oder Koppel-Apartheid. Wenn ich falle, gibt es nur noch Stille im ganzen Stall.«
Sog. Rentengaul am 6. Februar 2026 auf ‚Grenzlandgrün‘

Freitag, 30. Januar 2026
254: Bryologistik schubverankern

»Ich bin in den 1950er Jahren geboren, da hat’s aus der Cloud noch geregnet. […] Wir sind mittlerweile in einer Welt, die unsere Seele nicht ernährt. So eine Gesellschaft verdient eine komplette Renovierung und Umstrukturierung. Wer soll es machen?«
Ewald Lienen am 22. November 2025 auf dem Umweltkongress der grünen Landtagsfraktion im Düsseldorfer Landtag

»Wir sind über 400 Millionen Jahre alt und haben keine Deadlines. Wir kommen nicht mit Masterplänen, sondern mit Geduld. Wir laden nichts hoch, sondern nehmen auf – erst Feuchtigkeit, dann Zeit, dann Bedeutung. Wir überkleiden, umranken und bespinnen. Wir beginnen meist dort, wo niemand hinschaut: im Schatten, in Rissen, auf brüchigem Beton. Wir wachsen nicht schneller, wenn man uns antreibt. Stattdessen breiten wir uns aus, wenn die Bedingungen stimmen. Niemand gewinnt allein, denn wir sind ein Geflecht…«
Die Moose  am 29. Januar 2026 auf Grenzlandgrün

Samstag, 24. Januar 2026

253: Halsdemut verinnern

»Die Macht des Systems kommt nicht aus seiner Wahrheit, sondern aus der Bereitschaft aller, so zu tun, als wäre es wahr. Wenn auch nur eine Person aufhört mitzuspielen […], beginnt die Illusion zu bröckeln. […] Wir wussten, dass die Erzählung von der internationalen regelbasierten Ordnung teilweise falsch war – dass die Stärksten sich bei Bedarf ausnahmen, dass Handelsregeln asymmetrisch durchgesetzt wurden. Und wir wussten, dass das Völkerrecht je nach Identität des Beschuldigten oder des Opfers mit unterschiedlicher Strenge angewandt wurde. […] Wir befinden uns mitten in einem Bruch, nicht in einem Übergang. [...] Mittelmächte müssen gemeinsam handeln, denn wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.«
Mark Carney, Premierminister von Kanada, am 20. Januar 2026 auf dem World Economic Forum in Davos

»Am Tisch sitzen oder auf der Speisekarte stehen‘ – Ihr Menschen liebt diese Dramatik. Dabei seid Ihr nicht mal besonders nahrhaft. Davos ist nicht der einzige Ort, an dem Ihr behauptet, die Welt retten zu wollen, während Ihr gleichzeitig Eure eigenen Futterplätze verteidigt. Hört auf, Euch in Euren selbst erzeugten Stürmen zu verlieren und ständig zu markieren, wem welches Revier gehört.  Hört auf, Euch über eure Größe zu definieren – Ihr seid alle ohnehin kleiner als ihr denkt. Schaut nicht nur nach Westen oder Osten – hebt den Kopf und seht die ganze Landschaft, streckt den Hals, bevor Ihr stolpert. Ich bevorzuge Blätter, die nicht zurückbeißen und sehe von hier oben, wie jeder versucht, größer zu wirken als er ist. Die Länge Eures Halses ist angeboren und nicht verhandelbar…«
Giraffe am 23. Januar 2026 auf  Grenzlandgrün

Samstag, 17. Januar 2026

252: Überflussstarre octopadieren

»Laut einer neuen Analyse von Oxfam haben die reichsten 1 % ihr jährliches CO₂-Budget – die Menge an CO₂, die sie ausstoßen dürfen, ohne die Erderwärmung um mehr als 1,5 Grad zu überschreiten – bereits nach zehn Tagen aufgebraucht.«
Oxfam-Pressemitteilung vom 9. Januar 2026

»Ich habe neun „Gehirne“, drei Herzen und blaues Blut. Ich denke dezentral und kann im laufenden Betrieb Gene umschreiben. Meine Haut kann Farbe, Muster und Oberflächenstruktur blitzschnell ändern. Meine Saugnäpfe sind Geschmacks- und Tastsinn in einem. Ich bin extrem beweglich und kann durch engste Spalten und Löcher schlüpfen. Ich vertraue auf das, was fließt und sich bewegt. Wer bereits heute seinen Weltanteil verprasst hat, mündet in Hortschwere und Überflussstarre. Zur Zeitverlängerung und Sinnesrückgewinnung empfehle ich ein eigentums- und kontrollloses Strömungstraining. Was nicht zirkuliert, das fault.«
Ein Krake am 10. Januar 2026 auf Grenzlandgrün


Samstag, 10. Januar 2026 

251: Reglosglück ruhestarten

»Der Januar darf alles, muss aber nichts. Wo sonst haben wir diesen Luxus noch?
 [… ] Im Januar ist der Erwartungsdruck so tief wie nie: Man kann einfach die Türe zulassen, sich einigeln, ein gutes Buch lesen.«
Ein Lob dem Januar. NZZ vom 6. Januar 2026

»Jetzt gilt es, nur nicht in die Falle der guten Vorsätze zu tappen, die das neue Jahr schon vom ersten Tag zum Scheitern verurteilen. […] Jetzt ist nicht die Zeit für große Vorsätze und Veränderungen. […] Stattdessen empfehle ich eine Zeit des strategischen Stillstands, bis sich die ersten Krokusse zeigen. Erst wenn der Saft in die Bäume einschießt und die Tage merklich länger und wärmer und werden, ist es Zeit für Veränderung – und diese wird kraftvoll und besonnen sein dank der Ruhepause die man sich gegönnt hat. […] Lassen Sie es nicht „zu wenig“ oder „zu viel“, sondern einfach mal „genug“ sein. […] Strategischer Stillstand für die kommenden Wochen heißt: Nicht optimieren, nicht verbessern, nicht dramatisieren. Beobachten, was passiert, wenn man den Druck herausnimmt.«
Elke Naters: Mit dieser Methode steigern Sie binnen Sekunden Ihr Lebensglück. DIE WELT vom 7. Januar 2026

»Jedenfalls zeugt die die inflationäre Verwendung des Verlegenheitsadjektivs „komplex“ davon, dass uns die Begriffe fehlen, um die gegenwärtigen Zusammenhänge sinnhaft zu beschreiben.«
Simon Strauss: Wir kommen nicht davon. FAZ vom 8. Januar 2026

»Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und ist doch hunderttausend Jahre alt.
Es träumt von Frieden. Oder träumt’s vom Kriege?
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und stirbt in einem Jahr. Und das ist bald.«

Erich Kästner: Der Januar. 1955


Samstag, 3. Januar 2026 
250: Mikrowürde lebensfeinlesen

»Zu meinen guten Vorsätzen für 2026 gehört, mehr Aufmerksamkeit auf das Kleine zu richten – auf das, was wir im Alltag leicht übersehen. […] Der Blick ins Kleine stellt die Überlegenheit des Menschen infrage. […] Wer sich im Detail mit dem Aufbau von Lebewesen und ihren Zellen beschäftigt, bekommt schnell die Gewissheit, dass der Mensch gar nichts völlig Herausragendes ist. Die Zellen von verschiedenartigen Lebewesen – seien es Menschen, Tiere, Pflanzen, Einzeller oder auch Bakterien – und deren zelluläre Prozesse, Gene und Proteine sehen sich erstaunlich ähnlich und funktionieren nach denselben Prinzipien.

Gerade deshalb lohnt es sich, den Blick zu üben – weg vom Großen und hin zum Kleinen. Wer einmal Leben etwa in einem Tropfen Wasser untersucht oder Gene verschiedener Lebewesen miteinander verglichen hat, begreift den Menschen nur als einen Bestandteil, aber nicht als das Zentrum eines erstaunlich komplexen biologischen Systems – eine Voraussetzung, um der Welt mit Staunen und Respekt zu begegnen und mit Vorsicht verantwortungsvoll zu handeln.«

Petra Bauer: Weg vom Großen, hin zum Kleinen. Rheinische Post vom 31. Dezember 2025

Wer ins Kleine schaut, verliert die Krone – und gewinnt Verwandtschaft.

»Größe ist kein Qualitätsmerkmal, denn in meinem Boden wohnen viele Welten. Wenn Ihr dazugehören wollt, fangt unten an. Wir sind schon da.«
Regenwurm auf Grenzlandgrün

»Es gibt quasi keine Daten zu Regenwürmern im Wald. Dabei ist es die wichtigste Tierart.«
Dominik Landerer (Forstamt der Stadt Landsberg am Lech) am 21. Juni 2024 im Bayerischen Rundfunk



 


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  Stand: 06.06.2026
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