niederrheinisch - nachhaltig 

 

 

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Dienstag, 1. Dezember 2020

Über die Verletzlichkeit der nachhaltigen Entwicklung

Heute vor einem Jahr begann das erste Amtsjahr für Ursula von der Leyen als EU-Kommissionspräsidentin. Ihr „Mann auf dem Mond Projekt“: Der "European green deal". Für ihn sollte sie am kommenden Freitag in Düsseldorf gemeinsam mit Elton John, Joy Denalane, Jack Johnson und Jeremy Rifkin den Ehrenpreis der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e.V. (DNP) entgegennehmen. Doch das wurde jetzt aufs Frühjahr 2021 verschoben. Der green deal ist noch nicht über das Ankündigungsstadium hinausgekommen. Polen, Ungarn, Tschechien und Rumänien wollen ihn ausbremsen, Vize-Kommissionspräsident Frans Timmermans setzt in der Agrarpolitik eher auf Fridays für Future als auf den  bewegungsunfähigen EU-Agrarrat. Derweil fliegt die Sonde Chang’e-5 zum All, brennen die Wälder in Australien. Gestern teilte Raumfahrtbehörde Inpe mit, dass der  Amazonas-Regenwald in Brasilien so schnell abgeholzt wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Und heute veröffentlichte die UN alarmierende Zahlen zu Hunger, Armut und Infektionsrisiken. COVID-19 macht die Verletzlichkeit der europäischen Nachhaltigkeitskonzepte sichtbar. Lesen Sie mehr


Donnerstag, 19. November 2020

Waldnieler Blutbuche: Denkmalstod am Buß- und Bettag

Das Blutbuchenpaar am Evangelischen Friedhof am Häsenberg in Schwalmtal-Waldniel war älter als alle Bürger*innen der Gemeinde. Es hat Kriege, Unwetter und etliche Kommunalreformen überlebt. Es stand als Naturdenkmal unter dem besonderen Schutz des Kreises Viersen. Doch der Schutzpatron hatte eine der beiden Buchen bereits im Sommer 2020 für sterbenskrank erklärt. Die andere gilt auch als nicht mehr gesund. Am 18. November 2020 wurde die erste Buche abgesägt. Zwei Arbeiter der Brüggener „Behnke - Baumpflege GmbH“ trennten vom Hubsteiger aus Aststück für Aststück mit der Motorsäge. Ein Teil des Stamms steht noch. Der 18. November 2020 ist Buß- und Bettag – ein evangelischer Feiertag. Dessen Ursprung passt zum „Tod des Naturdenkmals“.  Lesen Sie mehr


Samstag, 14. November 2020

„Land gewinnen“: Über den Rohstoffabbau in Wasserschutzzonen

"Wirtschaft entfesseln" – das war im Juni 2017 ein Leitgedanke des Koalitionsvertrags für Nordrhein-Westfalen 2017 – 2022. Seitdem gab es eine globale Pandemie und drei Dürresommer, kippten Flussökosysteme, sank die Grundwasserneubildung, schränkte Niedrigwasser die Rheinschifffahrt ein,  vertrockneten Wälder, trat eine neue Trinkwasserrichtlinie in Kraft, wies der Umweltrat auf massive Defizite beim Gewässerschutz hin, wurde das Wort „Wasserhierarchie“ erfunden… 

Doch die Beamten im nordrhein-westfälischen Umweltministerium müssen immer noch „Wirtschaft entfesseln“. Sie haben jetzt das Landeswassergesetz – wie von CDU/FDP gewünscht - auf „Möglichkeiten zur Deregulierung und Beschleunigung von Verfahren“ überprüft und müssen ein sinnvolles Verbot des Rohstoffabbaus in Wasserschutzgebieten kippen, obwohl Wasserwirtschaft und Kommunen dessen Erhalt fordern. Anstatt zukunftsfähige Innovationen zu entwickeln, fesseln CDU und FDP die Baustoffindustrie an überholte und ineffiziente Geschäftsmodelle. Lesen Sie mehr


Sonntag. 1. November 2020 

Wann kommt die grenzübergreifende Kieswende?

Vor über zwei Jahrzehnten machten sich die Niederlande auf den mühseligen Weg zu einer nachhaltigen Kies- und Sandgewinnung. 2009 verabschiedete der Regionalrat ein Positionspapier zum Rohstoffabbau im Raum Raum Düsseldorf.  Allmählich wächst auch im Kreis Viersen die Erkenntnis, dass das nordrhein-westfälische Kontrastprogramm eines entfesselten Kiesabbaus mit 25-jähriger Versorgungsgarantie und hohen Exportraten keine Zukunft hat. Der Kreis Viersen stellt sich mittlerweile quer und fordert das Land auf, ein generationenübergreifendes integriertes Gesamtkonzept zur nachhaltigen Rohstoffgewinnung aufzustellen. Der Kreis Wesel klagt ebenfalls und streitet sich mit dem Regionalverband Ruhr um Flächen. Ein neuer Arbeitskreis zum Schutz des NRW-Trinkwassers gegen den Kiesabbau wurde gegründet. Er will den Kiesabbau nach niederländischem Vorbild begrenzen. Lesen Sie mehr


Montag, 19. Oktober 2020 (Montagstext Nr. 3)

Über das WRRL-Management im Wasserland 

"Wasserland“ - so nannte Dieter Bongartz, der aus Dülken stammende Schriftsteller und Drehbuchautor, vor 30 Jahren seinen Film über den Niederrhein. Seit 20 Jahren gibt es ein europaweites Gesamtkonzept für das Wasserland-Management: die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) In diesen Tagen wird der dritte Durchlauf eines Bewirtschaftungsprogramms für Niers, Schwalm, Nette & Co vorbereitet. Motto: „Unser Wasser muss besser und darf nicht schlechter werden.“ Das ist kein leichtes Unterfangen. Es gibt Wasserstress für Mensch und Bach. Jeder Bürger und jede Bürgerin ist ab 22.Dezember 2020 aufgerufen, am Stressabbau mitzuwirken. Mehr dazu erfahren Sie im 3. Montagstext


Montag, 6. Oktober 2020 (Montagstext Nr. 2) 

Raumplanung für mehr Wohnbauland und Klimaschutz

"Drei Kreuze nach dem Kreuz mit den Kreuzen"…das dachten manche Menschen am vergangenen Montag. Die Stichwahlen sind entschieden. Der Wahlkampf mit seinen Parolen, Plakaten und Programmen ist nun definitiv vorbei – zumindest bis zum nächsten Jahr. Der Kampagnensturm auf den diversen Internetplattformen hat sich gelegt. „Mehr Klimaschutz“, „Mehr preiswerte Wohnungen“, „Mehr Nachhaltigkeit“. Das waren drei Forderungen, die die meisten Wahlkämpfer*innen im Grenzland teilten. Jetzt wird sich zeigen, wie daraus „vor Ort“ handfeste Kommunalpolitik entsteht. Der Handlungsspielraum für Nachhaltigkeit ist in den letzten Monaten ebenso gewachsen wie der kommunale Handlungs- und Verantwortungsdruck. Die Mehrheit der Landes- und Regionalpolitiker*innen hat in den zurückliegenden Monaten komplexe raumordnerische Nachhaltigkeitsabwägungen auf die Städte und Gemeinden verlagert. „Global denken und lokal handeln“: Im Spannungsfeld zwischen Wohnungsbau und Klimaschutz kann die Forderung nach mehr Nachhaltigkeit Chance und Bürde für die kommunale Planungshoheit werden. Lesen Sie mehr


Montag, 14. September 2020 (Montgstext Nr. 1)

Nach der Kommunalwahl: Was wird aus der #Amernliebe?

Nicht nur in Schwalmtal fand der Wahlkampf in den sozialen Medien statt. Corona und den engagierten Moderatoren der Facebookgruppe „Schwalmtaler Politik“ ist es zu verdanken, dass  in diesem Jahr mehr Ideen und Debatten produziert wurden als früher an den Wahlständen. Eine Kreation war der Hashtag „Amernliebe“ von Philipp Lourenço,  eine andere die Idee eines Dorfladens für Lüttelforst. Was könnte das für den neu erfundenen Amerner Ortskern bedeuten? Ist das Kirchturmdenken zwischen Ober- und Unteramern Geschichte? Als Oberamerner Kind hat CDU-Fraktionsvorsitzender Thomas Paschmanns "noch eins auf die Nase bekommen", wenn er über den Kranenbach ging. Was hat sich seitdem geändert?  Lesen Sie mehr


Sonntag, 14. Juni 2020

"Da wird jetzt etwas anders..." 

Vieles gilt nicht mehr, was bis Februar 2020 für „normal“ oder „natürlich“ gehalten wurde.  Beim Medienprojekt Wuppertal produzierten junge Menschen zwischen dem 19. März und dem 13. Juni 2020 ihre Corona-Diaries. Sie dokumentierten mit Handys und Kameras Ereignisse aus ihrem Leben und reflektierten ihre Gedanken und Gefühle. „Da ist jetzt etwas anders.“ Am 20. März umschrieb der 17-jährige Realschüler Emre seine Lage.  Es sei nicht mehr alles „so natürlich wie damals“. Damit drückte er das aus, was viele fühlten. Corona könnte der Welt eine "andere Normalität" bescheren. Die neue Selbstverständlichkeit des Mundschutzes ist wohl nur ein Element. Auch "das Wohnen" ist auf dem Weg in andere Normalität, seitdem "zu Hause" als Aufenthalts-, Lern- und Arbeitsort massiv an Bedeutung gewonnen hat.  Lesen Sie mehr


Mittwoch, 12. Februar 2020

Widerstand zwecklos? - Plastik als Glaubensbekenntnis

Die Krebsraten steigen, die Plastikproduktion auch.  Weltgesundheitsorganisation  und Weltwirtschaftsforum sprechen jeweils von einer Verdoppelung bis 2040. Widerstand sei  zwecklos, denn Plastik mache zwar krank und unfruchtbar, gehöre jedoch zum Lebenszyklus – so das Fazit des 2009 erschienenen Films  „Plastic Planet“ von Werner Boote.  VHS-Grenzlandgrün stellte ihn zum Abschluss der Veranstaltungsreihe  „Nachhaltigkeit und Kapitalismus“ in der Süchtelner Königsburg  zur Diskussion. 

Stefan Vogt (Bye Bye Plastik Niederrhein) akzeptiert das Fazit nicht. Er will niederrheinische  Unternehmen, Gastronomen, Vereine, Behörden und Privatpersonen animieren, freiwillig auf Einwegplastik zu verzichten.  Entsprechende Aktionen belohnt er mit einem  selbst hergestellten  Smiley. Den erhielt gestern die Umweltgruppe der Gesamtschule Nettetal. Sie hat 200 Porzellantassen angeschafft, um die Flut der Plastikbecher einzudämmen.

Dass der „Plastic Planet“ auch mit einem Ende der Aufklärung  einhergehen könnte, macht der britische Autor und Futurist Ray Hammond in einer Schlüsselszene des Films deutlich. Im Auftrag von Plastics Europe spricht er mit Werner Boote über die Zukunft von Plastik als empfindungsfähige, intelligente, smarte Substanz, die sich selbst heilen wird.  Alle Befürchtungen zu Gesundheitsrisiken habe eine „European Food Safety Administration“  2007 völlig entkräftet. „Und wenn  die sagen, es ist Ok, dann habe ich das zu akzeptieren.“  Ob  Hammond  sich auf eine Studie der "European Food Safety Authority“ (EFSA) beruft, lässt der Film offen.  Hammond gesteht ein, dass er wie die meisten Konsumenten keine Ahnung hat,  aus welchen Stoffen die Plastikprodukte bestehen. Daher  rät er dazu,  der Plastikindustrie einfach zu vertrauen. Denn sie habe die Absicht, ihre Produkte in gesellschaftlicher Verantwortung zu entwickeln. Ob sie’s tatsächlich auch macht, wisse er aber auch nicht... Was hätten wohl Hanns-Dieter Hüsch oder Joseph Beuys  zu dieser britischen Variante niederrheinischer Nachhaltigkeit gesagt?   

Mittwoch, 5. Februar 2020

Die Zeit ist reif für ein neues Level... 

Sterbehilfe, Organspende, Verkehrs- und Bildungspolitik, Landwirtschaft, solidarisches Handeln oder das Konzept der Bürger*innenversammlung von Extinction Rebellion – das waren einige der Themen, die die U35 - Gäste dem mehrheitlich Ü55 - Publikum des VHS-Grenzlandgrün-Abends zur Diskussion stellten. Unter dem Titel  „Visionen und Vollzugsdefizite“ – Generation Y und der nachhaltige Kapitalismus“  präsentierten Lia Alponsus, Alina Martin, Nina Sternheim und Mathis Weuthen ihre Zukunftsvorstellungen. 

Bei den Wünschen nach einer solidarischen und ökologisch verträglichen Gesellschaft sind sich jung und Alt schnell einig. Bei der Frage nach der politischen Umsetzbarkeit und dem Weg der bevorstehenden großen Transformation stößt desillusionierte Skepsis auf Aufbruchwillen. Eine gesellschaftliche Klassifizierung nach Lebensalter oder eine Generationenkonfrontation mit Stereotypen a la #okboomer  werden aber eher als Irrwege angesehen. Der 16-jährige Mathis Weuthen bringt es auf den Punkt: „Dann spräche ich ja für die letzte Generation auf diesem Planeten“. Generationenstereotype erinnern eher an Horoskope und lenken von den grundsätzlichen Hauptfragen rund um soziale und ökologische Nachhaltigkeit, Demokratie und Kapitalismus ab. Um sie adäquat beantworten zu können, ist in allen Generationen, Klassen, Schichten,  Lebenswelten und Mileus noch einiges an  Ver-, Um- und Neulernen notwendig...


Mittwoch, 29. Januar 2020 

 „Marktkonforme Demokratie“ oder „demokratisch kontrollierte Wirtschaft“? 

Spätestens die  Bankenkrise vor 12 Jahren und die  daraus folgende Eurokrise hat den weit verbreiteten Glauben  an die segensreiche Macht des Marktes erschüttert.  Eine neue Debatte um den Kapitalismus ist entfacht.  Der Arzt und Psychotherapeut Herbert Hochheimer (IPPNW) fasste ihre Grundzüge gestern beim VHS-Grenzlandgrün-Abend zum Film „Der marktgerechte Mensch“  in der Süchtelner Königsburg zusammen. Noch vor 15 Jahr en wollte die Bundesregierung mit der „Agenda 2010“  Innovation und sozialen Zusammenhalt fördern. Heute machen „Fridays for future“ und die „Gig-Beschäftigten“ deutlich, dass der Politik ein Kontrollverlust droht, wenn sie nicht schnell und regulierend in den entfesselten Kapitalismus eingreift und ihm soziale und ökologische Leitplanken setzt. 

Die menschlichen Auswirkungen des Kapitalismus haben Karl Marx und Friedrich Engels vor 172 Jahren beschrieben. Als Band zwischen Mensch und Mensch bliebe das „nackte Interesse“,  die „gefühllose bare Zahlung“.  Persönliche Würde  werde in Tauschwert verwandelt und an die Stelle der "zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten" werde „eine gewissenlose Handelsfreiheit“ gesetzt. „Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“

Ob Parship, Clickworking, entwürdigte Arbeitnehmer*innen,  oder „Heirate Dich selbst“ – Ratgeber: „Der marktgerechte Mensch“ ist ein Film, der nüchtern auf die menschlichen Auswirkungen des Turbokapitalismus blickt und nach Auswegen sucht: Genossenschaften, Gemeinwohlökonomie, Mitbestimmung. Auch nach dem  gestrigen VHS-Grenzlandgrünabend blieb offen, ob der Kapitalismus reformierbar ist oder ob er in „mechanisierter Versteinerung mit einer Art von krampfhaftem Sich-wichtig-nehmen“ erst dann endet, wenn „der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist“, wie Max Weber bereits vor 116 Jahren befürchtete. 

Freitag, 24.Januar 2020

Whatever it takes - Klimanotstand als europäischer Wachstumsmotor?

European Green Deal.  1.000 Milliarden Euro für Innovation,  Wertschöpfung  und  neue Arbeitsplätze –  so lautet  Europas Antwort auf den Klimanotstand.  Bewusst erinnert  EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an  Mario Draghis magische drei Worte „Whatever it takes“.  Mit ihnen rettete er am 26. Juli 2012 den Euro – zumindest vorläufig. Und damit das europäische Projekt. Denn „Scheitert der Euro, scheitert Europa“. Angela Merkels Satz von 2010 ist in die Geschichtsbücher eingegangen. Im Zuge ihrer unkonventionellen Rettungsmaßnahmen  über Anleihekäufe  hat die EZB unter ihrem ehemaligen Präsidenten  zwischen 2015 und 2019  mehr als 2.600 Milliarden Euro „quasi aus dem Nichts“ in die Finanzmärkte  gepumpt.  Doch bisher h at die Politik des billigen Geldes  noch nicht den gewünschten Wachstumsschub  gebracht.  Stattdessen wird mit Finanzprodukten, Rohstoffen oder Immobilien spekuliert.  Was ist von der Klimakatastrophe als Wachstumsmotor zu halten?  Gibt es einen finanzmarktgesteuerten Klimaschutz?  Geht es bei dem europäischen „Mann auf dem Mond –Projekt“  um neues greenwashing oder eine tatsächliche Neujustierung des Kapitalismus?  Macht  Europa jetzt Politik mit der Notenpresse, wie es der amerikanische Präsidentschaftskandididat Bernie Sanders und die Vertreter der Modern Monetary Theory schon lange fordern?  Was bedeutet das alles für die niederrheinischen  Kleinanleger*innen und Klimaschützer*innen? Das waren die Fragen, die der Europaabgeordnete Dr. Stefan Berger, der ehemalige Prokurist der Westdeutschen Landesbank Bernhard Jäger und der Volkswirt und Politikwissenschaftler Dr. Tobias Kunstein am 22. Januar bei einem gut besuchten VHS-Grenzlandgrün-Abend im Rahmen der Reihe „Kapitalismus und Nachhaltigkeit“ umkreisten. Nicht alle Antworten stimmten zuversichtlich…


Montag, 20. Januar 2020

„Woher kommt’s – wohin geht’s?“: Geld und Nachhaltigkeit 

Der Kreis Viersen finanziert seine Nachhaltigkeitsprojekte über Zuschüsse,  Um- und Rücklagen. Die Europäische Investitionsbank setzt auf noch mehr Green Bonds. Die EU-Kommission will eine Billionen Euro für einen Green deal aktivieren und erklärt den Klimaschutz zum wirtschaftlichen Wachstumsmotor. Die Europäische Zentralbank (EZB) schafft im Rahmen ihrer unkonventionellen Euro-Rettungsmaßnahmen über Anleihekäufe etwa 3 Billionen Euro „aus dem Nichts“. Das Wirtschaftsforum in Davos kehrt dem Shareholder-Value den Rücken und ruft den Stakeholder-Kapitalismus aus. Blackrock-Chef Larry Fink kündigt an, seine Investitionen strikt nach grünen Kriterien auszurichten. „Plural orientierte“ Ökonomen stellen staatliches „Helikopter-Geld“ für den grünen Umbau zur Diskussion. Der US-amerikanische Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders setzt auf die Modern Monetary Theory, um die Finanzierung seines Green new deal zu erklären. Entsteht gerade der von Professor Martin Wenke beim „VHS-Grenzlandgrün-Abend“ im Oktober 2018 prognostizierte ethisch orientierte Nachhaltigkeitsmarkt oder die von den Bestseller-Autoren Marc Friedrich und Matthias Weik im April 2013 im Schwalmtaler Bürgerhaus prognostizierte Weltfinanzkrise?  Lesen Sie mehr


Mittwoch, 15. Januar 2020 

Nachhaltigkeit erkämpfen nicht erschmusen 

Nicht alle fanden einen Sitzplatz und manche kamen gar nicht mehr rein. Die gestrige Eröffnung der VHS-Grenzlandgrün-Reihe „Kapitalismus und Nachhaltigkeit“ ließ manches "Deja vu" aufkommen. Der 2018 - vor Greta Thunberg  Co - erschienene Film „Die grüne Lüge“ von Werner Boote und Kathrin Hartmann fand  gestern in der „Königsburg“ eine ähnlich überraschende Resonanz  wie die „Brennpunkt“-Veranstaltung  „Protest auf dem Schornstein – Widerstand für die Schöpfung“ am 14. Mai 1986. Nach einem Abend über umweltfreundliche Reinigung und schadstofffreies Essen „explodierte“ damals die Zahl der Teilnehmenden in der VHS-Brennpunkt-Reihe. Grund war das im VHS-Programmheft der Stadt Viersen nicht eingeplante Reaktorunglück von Tschernobyl. 

Eine an dem Abend aufgekommene Frustration über „die Politik“ kam gestern wieder hoch. Lars Lange (Eine Erde e.V.) empfahl daher sich zu verweigern und aus der Arbeits- und Konsumspirale auszusteigen. Nachhaltiger Konsum oder Konsumverweigerung ist eine Inszenierung moralischer Überlegenheit. Sie folgt damit dem im Film anschaulich dargestellten  „Greenwashing“ der Konzerne.  Das  ist  - laut Noam Chomsky - die „Erfindung der Mächtigen“, um die in 1970er Jahren entstandene Umweltbewegung unter Kontrolle zu halten. Chomsky fordert, die Machtsysteme unter öffentliche Kontrolle zu stellen und an einem Systemwechsel zu arbeiten, der grüne Lügen überflüssig macht. Letztendlich ist es daher „die Politik“, die zwischen Reden und Handeln, Umsetzung und Verhinderung  entscheiden kann. Nachhaltigkeit bedeutet auch Kampf und Konflikt.  Man kann sie nicht „erschmusen“, sondern muss sie erkämpfen wie die Frauenrechte, die Abschaffung der Sklaverei oder die Demokratie.

Wie Politik funktioniert, wurde gestern in einem weiteren „Deja vu“ des früheren „Brennpunkt“-Moderators und jetzigen ehrenamtlichen „Königsburg“-Mitarbeiters Ulrich Schäfer deutlich. Er erinnerte an die „Tempo 100“ – Diskussionen in den 1980ern und die im März 2020 bevorstehende Umsetzung in den Niederlanden. In der Tat: Damals galt "Tempo 100" in der DDR, und die Bundesrepublik wollte sich mit „Freie Fahrt für freie Bürger“ davon abgrenzen. Der Deutsche Bundestag lehnte im Oktober 2019 "Tempo 130" auf deutschen Autobahnen mit 498: 126 Stimmen erneut ab. Diesmal ging’s wohl nicht um Abgrenzung von den Niederlanden oder nachhaltige Verkehrspolitik, sondern um die Interessen der deutschen Autoindustrie. Sie bringt als Personenkraftwagen immer noch Zwei-Tonner mit über 400 PS auf den Markt. Wolfgang Kaden, ehemaliger Chefredakteur von „Spiegel“ und „Managermagazin“  nannte  das eine „Kriegserklärung“.  Seit „Fridays for future“ scheint ein nicht nur symbolischer Krieg um Klimaschutz und Nachhaltigkeit ausgebrochen zu sein. Die „Fronten“ sind noch nicht eindeutig. Die Siemens AG hat sich am vergangenen Wochenende positioniert. 

Auf welcher Seite werden der  European  Green deal, die Finanzmärkte oder die  Europäische Zentralbank agieren? Dieser Frage versucht sich die nächste Veranstaltung innerhalb der VHS-Grenzlandgrün-Reihe „Kapitalismus und Nachhaltigkeit“ vor dem Hintergrund des gestern bekannt gewordenen Brandbriefs von „Black Rock“ an die Topmanager weltweit führender Konzerne zu nähern. 

Grenzlandgrün 2014 - 2019

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