Sonntag, 22. März 2026
Weltwassertag 2026: GRACE und Gleichstellung - Bankrott und Lieferketten
Wasser ist die essenziellste Ressource allen Lebens und zugleich ein Spiegel dafür, wie Gesellschaften organisiert sind. Wasser entscheidet darüber, ob Gemeinschaften gedeihen, Volkswirtschaften funktionieren und Gesellschaften im Klimawandel widerstandsfähig bleiben können. Nicht selten nennt man es Management, wenn Menschen Wasser privatisieren, verschmutzen, reinigen und verknappen, wenn sie Leitungen, Kanäle und Märkte bauen.
Der renommierte exilierte iranische Wissenschaftler Kaveh Madani leitet heute als Direktor des im kanadischen Ontario angesiedelten United Nations University Institute for Water, Environment and Health (UNU-INWEH) – den „Thinktank der UN zu Wasserthemen“ – und teilt sein Fachwissen mit Regierungen weltweit. In einem wegweisenden UN-Bericht, der im Januar 2026 erschien, erklärte er, dass der Planet Erde in das Zeitalter des globalen Wasserbankrotts eingetreten sei. Denn viele Grundwasserspeicher und Flusseinzugsgebiete vor allem im globalen Süden hätten ihre Fähigkeit verloren, wieder zu ihren historischen Zuständen zurückzukehren. (1) Am 18. März 2026 erhielt Madani den Stockholmer Wasserpreis 2026, der weltweit renommiertesten Auszeichnung für herausragende Leistungen im Bereich Wasser. (2)
Flüsse, Grundwasserleiter und Niederschläge sind geduldig und kennen keine politischen Grenzen. Eine nachhaltige Wasserpolitik kann nur durch Kooperation, Absprachen und Vertrauen gelingen. Wasser entlarvt die Illusion unbegrenzter Verfügbarkeit und zwingt zur ökologischen Ehrlichkeit. Wasser ist ein Gegenmodell zur Profitlogik, denn die Vereinten Nationen haben den Zugang zu sauberem Wasser als Menschenrecht anerkannt. Wer Wasser nachhaltig schützen will, muss Landwirtschaft verändern, Industrieprozesse umbauen und Stoffkreisläufe schließen.
„Wo Wasser fließt, wächst Gleichberechtigung“
Er wurde in einer UN-Resolution am 22. Dezember 1992 beschlossen und findet seit 1993 jedes Jahr am 22. März statt: Der Weltwassertag. Das Motto für 2026 lautet: Wo Wasser fließt, wächst Gleichberechtigung (Where water flows, equality grows). (3) Die Agronomin Laura Imburgia arbeitet als leitende Programmspezialistin für die Komponente „Wasser und Gleichstellung“ des UNESCO-Weltwasserbewertungsprogramms: „Zählt man all die Zeit zusammen, die Frauen und Mädchen in Regionen ohne Wasserversorgung für den Gang zum Brunnen oder zur Quelle aufbringen, kommt man auf insgesamt 250 Millionen Stunden pro Tag. Das raubt ihnen die Zeit für den Schulbesuch, die Freizeit oder für Aktivitäten, die Einkommen erbringen.“ (4)
Rechtsnormen, die die Nutzungsrechte für Land und Wasser regeln, erschweren es den Frauen vielerorts, Einfluss auf die Verteilung von Wasser und Land zu nehmen, obwohl sie das Wasser beschaffen müssen. Weltweit sind Frauen in den Entscheidungsgremien für Wasserpolitik unterrepräsentiert. Die UNESCO empfiehlt daher eine stärkere Beteiligung von Frauen im Wassersektor: „Um Frauen und Männern ein besseres Leben zu ermöglichen und – weit über das Thema Wasser hinaus – eine nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten, müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein: Gleichstellung der Geschlechter bei Zugang und Bewirtschaftung von Wasserressourcen, Daten über die erzielten Gleichstellungsfortschritte sowie einschlägige Ausbildungsprogramme und Maßnahmen zur Kapazitätsentwicklung.“ (5) Landrechte und wasserwirtschaftliches Know how seien Türöffner für einen fairen Zugang zum Wasser.
Wasser wird bedroht durch Verschmutzung, Übernutzung und den Klimawandel. Über 97 Prozent des gesamten Wasservolumens der Erde befinden sich als Salzwasser überwiegend in den Ozeanen. Der Rest ist Süßwasser, das zu 99,7 Prozent in Eiskörpern und tiefen Grundwasserschichten gebunden ist. Die übrigen 0,3 Prozent Süßwasser – etwa 120.000 Kubikkilometer – zirkulieren im Laufe eines Jahres zwischen Meer und Land; ober- und unterirdisch, in flüssigem, festem oder gasförmigem Aggregatzustand. Vor allem wegen der komplexen atmosphärischen Zirkulationsmuster ist das Süßwasser an Land räumlich und zeitlich sehr ungleich verteilt. (6) Der Mensch selbst besteht zu ca. 70% aus Wasser…
GRACE- Satellitenmessungen zur Wasserspeicherung
Mit der Wasserspeicherung in Deutschland und Europa geht es weiter bergab, Zum Jahresende 2025 gab es ein Defizit von rund 25 Milliarden Tonnen Wasser im Vergleich zum Mittel seit 2002. Global betrachtet nehmen die Extreme der Wasserspeicherung zu. Während 2009 noch 75 % der Landfläche einen normalen“ Wasserspeicher aufwiesen, waren es 2025 nur noch knapp ein Drittel. Diese Entwicklung ist zu großen Teilen auf die Zunahme trockener Gebiete zurückzuführen, deren Anteil sich von 12 % im Jahr 2009 auf nahezu 43 % im Jahr 2025 mehr als verdreifacht hat. In Europa ist die Abnahme des Gletschereises auf Island besonders ausgeprägt.
Dennoch blieb – global gesehen – die Landfläche, die als feucht eingestuft wird, über die letzten 24 Jahre ähnlich groß, denn die Wasserspeicherung in Afrika, Australien und Ozeanien hat zugenommen.
Dr. Eva Börgens und Dr. Julian Haas vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam haben für dieses Ergebnis die GRACE-Satellitenmessungen zu den Veränderungen der Wasserspeicherung ausgewertet und sie zum Weltwassertag 2026 veröffentlicht. (7) (8) Sie charakterisieren die Wasserspeicherung so:
• Trocken: die Wasserspeicherung war so niedrig wie die trockensten 25% der restlichen Beobachtungen an dem Ort,
• Normal: die Wasserspeicherung entsprach den mittleren 50% der Beobachtungen
• Feucht: Wasserspeicherung war so hoch wie die feuchtesten 75–100% der Beobachtungen an dem Ort
Seit 2002 betreiben die Deutsche Raumfahrtagentur und die US-amerikanische Weltraumbehörde NASA die Satellitenmissionen GRACE (9) (Gravity Recovery and Climate Experiment, 2002–2017) und GRACE-FO (GRACE-Follow-On, seit 2018, GRACE C – voraussichtlich ab 2028). Mit ihr lässt sich die globale Wasserspeicherung mit monatlicher Auflösung beobachten. Mit nunmehr 24 Jahren an Daten kann die Forschung langfristige Veränderungen analysieren. Die GRACE Satellitenmissionen dienen dazu, Veränderungen im Schwerefeld der Erde hochpräzise zu messen – und daraus zentrale Informationen über den globalen Wasserhaushalt, Eisschilde, Meeresspiegel und klimabedingte Massenverlagerungen abzuleiten. Sie gelten damit als eine der wichtigsten Datenquellen der modernen Klimaforschung.
GRACE misst Massenveränderungen auf und in der Erde, indem es deren Effekt auf ein Satelliten-Duo aufzeichnet, das mit 220 Kilometer Abstand hintereinander die Erde in rund 500 Kilometer Höhe umkreist. Daraus werden monatliche Karten der globalen Änderungen der Erdanziehungskraft und der dazugehörigen Massenveränderungen errechnet. Dabei geht es um Variationen im Grundwasser, der Bodenfeuchte, von Oberflächengewässern oder Schnee- und Eisbedeckung. „Mit Hilfe von komplementären Beobachtungen oder Modelldaten lassen sich so aus GRACE-Daten einzigartig beispielsweise Grundwasserveränderungen global und auf monatlicher Basis ableiten.“ (10)
Offenbar nehmen die Wasserspeicher in vielen Regionen Europas ab, besonders da, wo intensive Landnutzung auf Klimastress trifft. Wasser ist ein vernetztes System. Messdaten allein schaffen weder einen Zugang zu sauberem Wasser noch klären sie, wem das Wasser gehört und welche kulturellen Bedeutungen es hat...
Wasserqualität und Industriegesellschaft
Eine nachhaltige und faire Wasserwirtschaft muss sich nicht nur den Bedingungen des Klimawandels stellen. Auch die diffusen und schwer rückholbaren Nebenprodukte wirtschaftlicher Aktivitäten sind herausfordernd. Denn Wasser gilt betriebswirtschaftlich als Produktionsressource und Transportmedium für Abfälle und nicht als ein komplexes Ökosystem und als Gemeingut mit eigenem Wert.
Die systemischen Herausforderungen durch Nitrat, PFAS, Mikroplastik, Pestizide, Herbizide, durch pharmazeutische Rückstände, durch Schwermetalle, Industriechemikalien, Nährstoffüberschüsse aus Düngung und Abwasser oder den multiresistenten Bakterien aus Krankenhäusern und Tierhaltung wachsen weiter und wirken langfristig. Wasser gilt nicht selten als kostenlose Senke für Abfälle. Grenzwerte werden politisch ausgehandelt und nicht rein wissenschaftlich bestimmt. Verantwortlichkeiten werden verdünnt, denn die Umweltkosten der Produktion werden immer noch nicht bilanziell eingepreist.
Wasser ist ein integraler Bestandteil unternehmerischer Produktions- und Lieferketten. Die zunehmende Wasserknappheit infolge des Klimawandels ist für die Wirtschaft an vielen Stellen spürbar - und das nicht nut bei niedrigen Pegelständen für die Binneschifffahrt. Doch derzeit stuft jedes dritte börsennotierte Unternehmen, die sowohl durch ihre Standortnähe zu Flüssen als auch durch ihr Geschäftsmodell direkt von der Ressource Wasser abhängen, das Thema Wasser als nicht wesentlich ein. Häufig werde übersehen, dass die Versorgungssicherheit eines Wirtschaftsstandorts direkt von der langfristigen hydrologischen Stabilität des gesamten Einzugsgebiets abhängt. Das hat die Studie „Unternehmen in Flussgebieten – Wasser als Standortrisiko“ ergeben. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO und der Naturschutzbund Deutschland (NABU) haben Strategien und Nachhaltigkeitsberichte ausgewertet und die Ergebnisse am 20. März 2026 veröffentlicht. Ein Fazit „Unternehmen sollten ihre Rolle neu definieren und sich von einem Wassernutzer zum strategischen Partner wandeln, der durch naturbasierte Lösungen die Stabilität seiner eigenen operativen Basis sichert.“ (11)
Die UN hat das Recht auf Wasser erklärt. Konzerne erklären ihr Recht auf Gewinn. Nur das Wasser selbst hat noch keine Erklärung zu seinen Ansprüchen auf Schutz, Erholung und Integrität abgegeben...
Verweise
1. Kaveh Madani. Global Water Bankruptcy. Living Beyond Our Hydrological Means in the Post-Crisis Era. United Nations University Institute for Water, Environment and Health. [Online] 20. Januar 2026 https://collections.unu.edu/eserv/UNU:10445/Global_Water_Bankruptcy_Report__2026_.pdf
2. Stockholm International Water Institute (SIWI). Global water governance pioneer Professor Kaveh Madani receives the 2026 Stockholm Water Prize. [Online] 18. März 2026. https://siwi.org/latest/global-water-governance-pioneer-professor-kaveh-madani-receives-the-2026-stockholm-water-prize/
3. United Nations. Where water flows, equality grows. [Online] abgerufen am 22. März 2026. https://www.un.org/en/observances/water-day
4. Suzanne Krause. UN-Weltwasserbericht: Wie der Wasserzugang für Frauen gesichert werden kann. Deutschlandfunk. [Online] 19. März 2026. https://www.deutschlandfunk.de/un-weltwasserbericht-wie-der-wasserzugang-fuer-frauen-gesichert-werden-kann-100.html
5. United Nations, UN WATER, unseco. Weltwasserbericht 2026: Wasser für alle. Deutschsprachige Zusammenfassung. [Online] 19. März 2026. https://www.unesco.de/dokumente-und-hintergruende/publikationen/detail/weltwasserbericht-2026/
6. Heinrich-Böll-Stiftung und Bund für umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Wasseratlas. Daten und Fakten über die Grundlage allen Lebens. [Online] 2025. https://www.boell.de/de/2024/11/26/wasseratlas-2025
7. GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung. Weltwassertag: Erhebliche Zunahme von Trockenheit weltweit, insbesondere in Europa. [Online] 21. März 2026. https://www.gfz.de/presse/meldungen/detailansicht/weltwassertag-langfristige-veraenderungen-der-globalen-wasserspeicherung
8. Dr. Eva Boergens und Dr. Julian Haas. Satellitendaten zeigen dramatische Veränderungen der globalen Wasserspeicherung. globalwaterstorage. [Online] 22. März 2026. https://www.globalwaterstorage.info/satellitendaten-zeigen-dramatische-veraenderungen-der-globalen-wasserspeicherung
9. Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt. GRACE-C – deutsch-amerikanische Umweltmission geht in die Verlängerung. [Online] 19. März 2024. https://www.dlr.de/de/aktuelles/nachrichten/2024/grace-c-deutsch-amerikanische-umweltmission-geht-in-die-verlaengerung
10. GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung. „Die Satellitenmission GRACE-C ist ein Schlüsselprojekt“. [Online] 13. Juni 2024. https://www.gfz.de/presse/meldungen/detailansicht/die-satellitenmission-grace-c-ist-ein-schluesselprojekt
11. BDO und NABU. Unternehmen in Flussgebieten - Wasser als Standortrisiko. [Online] 20. März 2026. https://online.flippingbook.com/view/1052207996/
Donnerstag, 22. Mai 2025
Über Garzweiler II und die Planbarkeit des Wassers
Die fossilen Annahmen und Glaubenssätze gelten nicht mehr. Jetzt möchte die RWE AG grün wachsen und nachhaltig werden. Garzweiler II wechselt 15 Jahre früher als ursprünglich geplant in den Nachbergbau. Dann trifft die Scheinwelt der politischen Planbarkeit auf die geheimnisvolle Welt des unterirdischen Wassers. Wer wird das gegebene Versprechen einlösen, den vom natürlichen Grundwasser getrennten Naturpark Maas- Schwalm-Nette wieder in den 1983er Zustand zu versetzen? RWE und der Braunkohlenausschuss erarbeiten dazu neue Pläne. Ein hydrogeologisches Modell des Landes NRW liefert bedenkliche Zahlen. Die Kreise Heinsberg und Viersen, der Schwalmverband und die Stadt Mönchengladbach sind alarmiert und der Erftverband will aufklären. Lesen Sie mehr
Montag, 22. Mai 2023
Weltweite Wasserverluste
Der diesjährige Weltwassertag am 22. März 2023 betonte die Bedeutung von Süßwasser und dessen nachhaltige Bewirtschaftung. Jetzt berichtet ein internationales Forschungsteam nach der Auswertung von Satellitendaten, Klima- und Hydrologiemodelle, dass mehr als die Hälfte der weltweit größten Seen zwischen 1992 und 2020 Wasser verloren hat. Die potenziellen Folgen haben sowohl regionale als auch globale Folgen. Mehr dazu im Grenzlandgrün-Blog
Mittwoch, 29. März 2023
Weltwasserkonferenz 2023
Vom 23. – 25. März 2023 trafen sich fast 10.000 Akteure aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zur UN-Weltwasserkonferenz in New York, um eine Halbzeitbilanz der Internationalen Aktionsdekade „Wasser für nachhaltige Entwicklung“ zu ziehen. Es war seit 1977 das erste UN-Treffen, bei dem es ausschließlich ums Wasser ging. Die institutionellen Strukturen der Vereinten Nationen zum Wasser gelten als stark zersplittert. Sie verteilen sich über 30 Organisationen, Programme und Fonds. Nicht Öl, sondern Wasser wird die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts bestimmen. Daher zählt die globale Wasserkrise zu den großen Risiken für Frieden, Umwelt und soziale Gerechtigkeit auf der Welt. Große Unternehmen wollen die Wasserkrise nutzen, um aus Wasser eine Handelsware zu machen. Mehr dazu im Grenzlandgrünblog
Mittwoch, 22. März 2023
Weltwassertag 2023: Den Wandel beschleunigen
Seit 1992 rufen die Vereinten Nationen jährlich am 22. März zum Weltwassertag auf. Dieses Jahr steht er unter dem Motto “Accelerating Change”, also den Wandel beschleunigen. Jeder Mensch soll bis 2030 Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen haben. Doch das Ziel rückt in weite Ferne. Die Zahl der Konflikte rund um das Wasser steigt. Wasser wird auch als Waffe eingesetzt. Derweil blüht das Geschäft mit abgefülltem Wasser. Mehr dazu im Grenzlandgrünblog
Montag, 5. September 2022
Den inneren Wert des Wasserkreislaufs anerkennen
Noch acht Jahre Zeit für die Nachhaltigkeitsziele Nr. 6 und 14! In diesen Tagen ist spürbar, dass die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Modelle, die uns regional weit gebracht haben, uns offenbar nicht mehr dorthin bringen, wo wir hin müssen. Denn viele unserer bisherigen Praktiken sind nicht die, die wir für ein nachhaltiges Leben brauchen. Die Wachstumsökonomie hat natürliche und geopolitische Grenzen überschritten. Mehr Anerkennung und Wertschätzung des Selbstzwecks eines natürlichen Wasserkreislaufs könnten hilfreich sein. Lesen Sie mehr
Mittwoch, 16. Februar 2022
Arzneimittelrückstände im Wasser - erstmals global untersucht
Pharmazeutische Rückstände in Gewässern sind ein globales Problem. Die am meisten belasteten Länder und Regionen der Welt sind bisher am wenigsten erforscht: Subsahara-Afrika, Südamerika oder Teile Südostasiens. Dort gelangen die Rückstände der Pharmaindustrie ungefiltert in die Flüsse, weil es keine funktionierende Abfall- und Abwasserstruktur gibt. Der Lebensstandard spiegelt sich in den Medikamentenresten im örtlichen Wasser wider. Das haben 120 Forscher*innen herausgefunden, die erstmals Proben aus 258 Flüssen in 104 Ländern aller Kontinente nach einheitlichen Kriterien analysiert haben. Mehr dazu im Grenzlandgrünblog
Freitag, 30. Juli 2021
Gewässerschutz: Verschleppt und vernachlässigt
In Viersen wird seit Januar 2019 an einem 2,5 km langen Regenrückhaltekanal gebaut. Er soll im Juli 2022 fertig werden und bei Starkregen rund 17.500 Kubikmeter Wasser zwischenspeichern. Die Viersener Grünen forderten am 26. Juli ein besseres Starkregenmanagement für das Viersener Stadtgebiet und lösten damit eine kontroverse Diskussion aus. Zu kurz kommt in der Debatte die Frage, warum in NRW die europäischen Richtlinien zum Gewässerschutz und zum Management von Hochwasserrisiken so schlecht umgesetzt werden, dass bereits über Klagen und Vertragsverletzungsverfahren geredet wird. Lesen Sie mehr im Grenzlandgrün-Blog
Samstag, 19. Dezember 2020
Ist Trinkwasserschutz "eine große Frage unserer Zeit"?
Im Juni 2017 wollten CDU und FDP die nordrhein-westfälische Wirtschaft mit einem Koalitionsvertrag für Braunkohle, Kies und Flächenversiegelung als Nr.1 im europäischen Standortwettbewerb platzieren. Seitdem gab es drei Dürren, eine Kohlekommission, das Konzept eines europäischen green deal, Fridays for Future und eine Pandemie. Unter der Überschrift „Verheizte Heimat“ berichtet die TAZ heute von einem internen Memo des Bundeskanzleramts. Darin werde vermerkt, dass die Absicherung von Garzweiler II ein zentrales Anliegen von RWE/NRW gewesen sei. Im November wiesen „Grenzlandgrün“ und die Initiative „Finger weg von unserem Trinkwasser“ darauf hin, dass sich das NRW-Umweltministerium die Wasserschutzgebietsverordnung von einem Fördermitglied des Vero-Baustoffverbands erarbeiten lässt. In der vergangenen Woche gruben das Europaparlament, der Düsseldorfer Regionalrat und das „Zukunftsforum öffentliche Sicherheit“ der Düsseldorfer nicht-nachhaltigen Entfesselungsideologie Wasser ab. Es geht um die neue europäische Trinkwasserrichtlinie, einen Beschluss zur Novellierung des Landeswassergesetzes und Risikoanalysen im „Grünbuch 2020“. Lesen Sie mehr
Montag, 19. Oktober 2020
Über das WRRL-Management im Wasserland
"Wasserland“ - so nannte Dieter Bongartz, der aus Dülken stammende Schriftsteller und Drehbuchautor, vor 30 Jahren seinen Film über den Niederrhein. Seit 20 Jahren gibt es ein europaweites Gesamtkonzept für das Wasserland-Management: die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) In diesen Tagen wird der dritte Durchlauf eines Bewirtschaftungsprogramms für Niers, Schwalm, Nette & Co vorbereitet. Motto: „Unser Wasser muss besser und darf nicht schlechter werden.“ Das ist kein leichtes Unterfangen. Es gibt Wasserstress für Mensch und Bach. Jeder Bürger und jede Bürgerin ist ab 22.Dezember 2020 aufgerufen, am Stressabbau mitzuwirken. Lesen Sie mehr
Sonntag, 16. September 2018 - ergänzt am Dienstag, 17. Juli 2019
Nachhaltige Vollzugsdefizite: Über die Nitratstudie des Kreises Viersen
Der „Hambacher Forst“ und die Trinkwasserbrunnen im Kreis Viersen haben zweierlei gemeinsam. Sie stehen als Symbol für das Scheitern einer konsensorientierten Nachhaltigkeitspolitik und für den doppelzüngigen Umgang mit Vollzugsdefiziten. Das Gutachten zur interessegeleiteten Gewichtung zwischen Brand- und Klimaschutz am Beispiel des Hambacher Forsts fehlt noch. Das für das Verhältnis von Landwirtschaft und Trinkwasserschutz im Kreis Viersen liegt jetzt vor. Seine Sachlichkeit ist zwingend. Seine Ergebnisse sind alarmierend. Der Kreis Viersen muss sich Handlungsmöglichkeiten verschaffen und beim Schutz des Wassers aktiver werden. Eine Agrarwende ist ebenso überfällig, wie eine konsequentere Umsetzung europäischer Umweltrichtlinien.
An den offen liegenden Widersprüchen zwischen den Vorsorgeerfordernissen der Trinkwassergewinnung und den landwirtschaftlichen Gewinnerwartungen hat sich seit Jahrzehnten nichts geändert. Seit einem Viertel Jahrhundert setzt die Wasserwirtschaft im Kreis Viersen auf freiwillige Kooperationen mit der Landwirtschaft. Ihre Ziele erreichen sie nicht. Die Düsseldorfer Bezirksregierung verschleppt die Ausweisung von Wasserschutzgebieten. Zur einer längst überfälligen landesweiten Wasserschutzgebiets-verordnung schweigt das Umweltministerium. Die Überwachung der Stickstoffbilanz durch die Landwirtschaftskammer ist nicht transparent. Der Kreis Viersen muss sich Handlungsmöglichkeiten verschaffen und im Trinkwasserschutz aktiver werden.
Sachlich, lesenswert und allgemeinverständlich
Es geht um eine knapp 120seitige Metastudie der Aachener ahu AG, die Rainer Röder vom Amt für Technischen Umweltschutz im letzten Jahr in Auftrag gegeben hat. Ihr nüchterner Titel: „Nitratbelastung des Grundwassers im Kreis Viersen – Rahmenbedingungen, Ist-Situation und Handlungsfelder“. Ihr Inhalt: eine allgemeinverständliche Zusammenfassung der naturwissenschaftlich-fachlichen und rechtlichen Grundlagen der Nitratproblematik im Kreis Viersen. Die Studie beschreibt noch offene Forschungsfragen und Handlungserfordernisse für die Viersener Kreisverwaltung.
Ihr Ergebnisse überraschen nicht, helfen aber in der Argumentation gegen landwirtschaftliche Lobbyisten. Denn die konventionelle Landwirtschaft ist Hauptverursacher für die erhebliche Nitratbelastung im Kreis Viersen. Aber nicht Landwirte, sondern die örtlichen Wasserversorger werden dafür in Haftung genommen. Um sauberes Trinkwasser garantieren zu können, müssen Niederrheinwasser (NEW) und die Stadt- und Gemeindewerke im Kreis Viersen immer tiefere Grundwasserschichten anbohren. Aber auch die werden über so genannte geologische Fenster mit Nitrat belastet. Die freiwilligen Kooperationen zwischen Land- und Wasserwirtschaft in den Wasserschutzgebieten haben keine Trendumkehr bei den Nitratgehalten gebracht. Die novellierte Düngeverordnung wird wenig an der Nitratbelastung des oberflächennahen Grundwassers ändern. Die Bezirksregierung verschleppt die Ausweisung von Wasserschutzzonen für die Trinkwassergewinnung in Niederkrüchten, Nettetal und Willich. Das Gutachten fordert nüchtern: „Dieses Umsetzungsdefizit hinsichtlich fehlender Schutzgebietsausweisungen ist von Seiten der zuständigen Bezirksregierung dringend zu beheben“, denn dies sei an wichtiger Baustein für den umfassenden Schutz des Grundwassers vor weiteren Stickstoffeinträgen und schaffe die Möglichkeit einer verstärkten rechtlichen Zuständigkeit des Kreises Viersen.
„Wir wollen etwas tun“ statt „Wir sind nicht zuständig“
Das Gutachten zeigt pragmatisch eigene Handlungsmöglichkeiten für die Kreisverwaltuung als Untere Wasserbehörde auf. Denn der Viersener Landrat Andreas Coenen hatte schon bei der Vorstellung der ersten Zwischenergebnisse der Nitratstudie betont: „Wir wollen etwas tun. Und nicht nur deutlich machen, was wir alles nicht tun können.“ Daher stellt er am kommenden Dienstag ein Fünf-Punkte –Programm zur politischen Diskussion.
Noch ist offen, wie lange die lokalen und regionalen Vertreter der industriellen Agrarwirtschaft ihre wirtschaftlichen Glaubenssätze gegen naturwissenschaftlich belegte hydrogeologischen Begebenheiten durchsetzen können. Denn noch gelten in der „Mainstream-Nachhaltigkeit“ ökologische Naturgesetze und wirtschaftliche Gewinnerwartungen als gleichwertig abzuwägende Belange.
Mehr Beratung im Einvernehmen mit dem landwirtschaftlichen Berufsstand
Aus der Studie leitete der Kreistag am 13. Dezember 2018 einen Fünf-Punkte-Plan ab. In ihm geht es um Düngemittelüberwachung, Umsetzung der Düngeverordnung, zur Ausweisung von Wasserschutzgebieten und um den Transfer wasserwirtschaftlicher Daten. Den Fünf-Punkte-Plan schilderte der Landrat der Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur und Verbraucherschutz Ursula Heinen-Esser mit Schreiben vom 11. Januar und bat die Landesregierung entsprechende Maßnahmen zu veranlassen. In ihrem Antwortschreiben vom 8. April 2019 ließ die Ministerin den Kreis Viersen abblitzen. Sie sieht nicht „dass Änderungen in den zurzeit festgelegten Zuständigkeiten für die Kontrolle des Düngerechts zu deutlichen Verbesserungen führen würden“. Die Ministerin setzt auf Beratung und das „Einvernehmen mit dem landwirtschaftlichen Berufsstand“. Kreistags- und Regionalratsmitglied Bernd Bedronka hielt angesichts der massiven Nitratproblematik im Kreis Viersen diese Antwort für zynisch, der Landrat „für nicht zufriedenstellend“. Das Thema bleibt auf der Tagesordnung.
Samstag, 8. September 2018
Wasserschutz in der Region: Über Personalmangel, frisierte Nitratwerte und den guten Ton
Die grüne Regionalratsfraktion hatte im Juli angefragt. Die Düsseldorfer Bezirksverwaltung hat nun geantwortet. Die Ergebnisse sind alarmierend. Das Vollzugsdefizit im Umweltbereich kann kaum deutlicher dargestellt werden. Trotz der Vorgaben der europäischen Wasserrahmen- und Nitratrichtlinien und trotz des entsprechenden Landeswassergesetzes hat sich in den letzten Jahren nicht viel bewegt. Besonders irritierend sind die Werte und Vorgänge im Kreis Viersen.
Trinkwasser wird am Niederrhein hauptsächlich aus Grundwasser gemacht. Das verschafft den Wasserwerken andere Herausforderungen als die Wassergewinnung aus Uferfiltrat oder Talsperrenwasser. Um die Qualität des Trinkwassers zu schützen, gibt es die Wasserschutzgebiete. Dort werden Handlungen, die sich nachteilig auf die Gewässer auswirken können, verboten oder eingeschränkt. Der § 35 des Landeswassergesetz schreibt vor, dass die zuständige Behörde ein Wasserschutzgebiet durch ordnungsbehördliche Verordnung festsetzt. Für die Festsetzung von Schutzgebieten rund um kleinere Wassergewinnungsanlagen bis zu einer Entnahmemenge von 600.000 Kubikmeter jährlich sind die Kreise und kreisfreien Städte zuständig. Für größere Brunnen unserer Region besteht die zuständige Behörde vorrangig aus den Menschen, die im Dezernat 54 der Bezirksregierung arbeiten. Doch offenbar ist auch hier die berühmte Personaldecke zu knapp, denn selbst im direkten Einzugsbereich vieler Wasserwerke fehlen immer noch Wasserschutzzonen.
Hilden-Karnap
Seit 2003 bemühen sich zum Beispiel die Stadtwerke Hilden um eine Verlängerung ihres Wasserschutzgebiets Karnap. Im Januar 2016 endete die Verordnung. Doch bis heute kann die Bezirksregierung trotz angeblich hoher Priorität keine belastbare Aussage zu einer Folgeregelung treffen. Schuld seien Personalengpässe und die höheren Anforderungen an das hydrogeologische Gutachten. Nach einer Anfrage der grünen Regionalratsfraktion vom Mai 2016 hatte die damals noch unter grüner Leitung stehende Bezirksverwaltung Personal aufgestockt. Nunmehr habe sich – so die Bezirksregierung – „aufgrund von erneuten Abgängen die gleiche Personalsituation wie 2016 eingestellt“.
Dülken/Boisheim/Nette
Besonders erschreckend fällt die Antwort auf die Frage der grünen Regionalratsfraktion nach der Nitratkonzentration im Wasserkooperationsgebiet Dülken/Boisheim aus. Die seit 1993 bestehende Wasserschutzzone hat 2014 durch eine umstrittene Schweinemastgenehmigung eine gewisse regionale Berühmtheit erlangt. 2016 lautete die Antwort noch, dass der Nitratwert am Wasserwerk Nette ständig absinke. Heute gesteht die Bezirksregierung, dass die NEW bis 2013 eine Messstelle mit mehr als 300 mg Nitrat pro Liter aus den Erhebungungen gestrichen hat, weil sie eine derartig hohe Belastung für nicht repräsentativ oder plausibel gehalten habe. Seit 2014 - dem Jahr der Stallgenehmigung - erscheinen der NEW aber die Werte dieser Messstelle wieder plausibel, zumal sie mittlerweile wieder deutlich abgesunken seien. Nun wagt die Bezirksregierung keine Nitrat-Prognose mehr für die Dülken/Boisheim: „Belastbare Aussagen über die zukünftige Entwicklung lassen sich jedoch weder aus länger andauernden Absinken noch aus der derzeitigen Stagnation ableiten.“
Der Erfolg, den die NEW im vorigen Sommer nach 25 Jahren freiwilliger Kooperation zwischen Landwirtschaft und Wasserwirtschaft bejubelte, bedarf angesichts dieses Umgangs mit Nitratstatistiken wohl einer externen Überprüfung.
Erster Platz für den Kreis Viersen
Auf Wunsch der grünen Regionalratsfraktion hat die Bezirksregierung die Daten der Überwachung des unbehandelten Rohwassers und der Messtellen nach der Wasserrahmenrichtlinie ausgewertet und eine Übersicht der regionalen Nitratkonzentrationen im ersten Grundwasserstockwerk erstellt. Wenig überraschend: die Nitratwerte der Ackerflächen liegen deutlich über dem Durchschnitt. In den Kreisen Kleve und Viersen liegen auch alle anderen Messstellen über dem Durchschnitt. Einzig im Kreis Viersen befinden sich die mittleren Nitratkonzentrationen der Rohwasserbrunnen „deutlich über dem Grenzwert der Trinkwasserverordnung von 50 mg/l“.
Zwischen 1962 und 1982 hatte sich der durchschnittliche landwirtschaftliche Stickstoffeitrag verdoppelt. Im Oktober 1982 fragte daher eine Diskussionsveranstaltung der Viersener „VHS-Brennpunkt“-Reihe:“ Trinkwasser – bald ein teurer Luxus?“ Damals brachte Stadtwerke-Chef Peter Schade die anwesenden Landwirte mit dem Vorwurf auf, sie wollten ihre Ernten im Zuge der Industrialisierung maximieren statt optimieren und brächten deshalb unkontrolliert zu viel Stickstoff auf. Die Wasserwerke könnten daher den ab 1985 geltenden Höchstwert für Nitrat von 50 mg/l nur mit teuren technischen Maßnahmen einhalten. Er hatte Recht: noch heute gibt’s im Kreis Viersen Trinkwasser unter dem Nitratgrenzwert durch Verschnitt mit noch unbelasteten Wasser aus dem zweiten Grundwasserstock.
Das wird prekär durch eine „auskeilende Tonschicht im Kreis Viersen". Seit über 100 Jahren kommt es hier „auf den Ton an“. Jetzt weist die grundwasserschützende Schicht Löcher aus oder ist gar nicht mehr vorhanden. Nüchtern beschreibt die Bezirksregierung die Viersener Lage: „Durch eine Grundwasserförderung im tieferen Stockwerk beim gleichzeitigen Vorliegen von Fehlstellen in den Tonhorizonten in unmittelbarer Nähe wird der Prozess des Nitrateintrags noch beschleunigt.“
Mit einer Erweiterung der Wasserschutzgebiete ist allerdings vorerst nicht zu rechnen. Weil die Erarbeitung einer einzelnen Wasserschutzgebietsverordnung sehr viel Zeit beanspruche, warte die Bezirksregierung erst einmal ab, ob und wann das Umweltministerium von seinem Recht Gebrauch macht, per Verordnung Schutzbestimmungen für alle oder mehrere Wasserschutzgebiete Nordrhein-Westfalens festzulegen. Die „VHS-Brennpunkt-Frage“ von 1982 steht daher weiter unbeantwortet auf der Viersener Tagesordnung.


